Du sollst dir ein Bild machen

8. August 2008, 18:31
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Der "Iconic Turn" hat alles erfasst: Es bleibt die Aufgabe, unsererseits Bilder zu erfassen und richtig zu nutzen

Wissenschafter machen sich an die Arbeit der Vermittlung, und sie wollen Ordnung in die Flut bringen.

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Krems - Die Welt ist offenbar immer mehr alles, was Bild ist. Ob Flickr oder YouTube, Google Earth oder 50 Gigabyte voll Ferienfotos im Heimcomputer, alles gerät zu unbewegten oder bewegten Abbildungen, und wenn's nicht passt, dann helfen wir digital nach.

Angesichts dieser Flut steigt die Notwendigkeit, mit Bildern auf wissenschaftlichem Niveau umgehen zu lernen. Das bedeutet eine transdisziplinäre Herangehensweise, die von semiotischen Fragestellungen über Herstellungs- und Vervielfältigungsverfahren (analog und digital) bis zu Problemen der Archivierung, Übermittlung und Vermittlung reicht.

Das Department für Bildwissenschaften (DBW) an der Donau-Uni Krems widmet sich seit mehreren Jahren den komplexen Aufgaben, etwas so Selbstverständliches und zugleich so Künstliches wie Bilder zu behandeln. Seit kurzem gibt es Gelegenheit, eine Anwendung dieser Arbeit zu sehen: "Venezianische Veduten - ein Cicerone durch das Venedig des frühen 18. Jahrhunderts", steht im Netz und ist Forschern wie Laien zugänglich (www.gssg.at).

Es ist ein virtueller Rundgang durch einen Teil der grafischen Sammlung des Stiftes Göttweig, den die Kremser Bildwissenschafter für das Netz aufbereitet haben. "Es ging einerseits darum, neue Forschungsperspektiven zu eröffnen", sagt DBW-Chef Oliver Grau. Anderseits seien die Stiche und Gemäldereproduktionen dazu geeignet, über das Verhältnis von Original und mittlerweile sehr genauen Reproduktionen (bis zu 72 MB) neu zu reflektieren.

Grau bringt als Lehrer dazu besondere Voraussetzungen mit. Er ist als Herausgeber und Autor von Bänden über "Image Science" (unter anderem MediaArtHistories, mit Beiträgen von Rudolf Arnheim, Peter Weibel und anderen) und als Konferenzveranstalter sowohl technisch wie persönlich gut vernetzt. Und er treibt die einschlägige Forschung in Österreich gezielt weiter.

Langfristig plädiert Oliver Grau für eine Enzyklopädie der visuellen Medien, natürlich in elektronischer Form, da die Entwicklung jeder Drucklegung davonlaufen würde. Zugleich möchte er die Möglichkeiten moderner Bildverarbeitung für die Kulturwissenschaften weit mehr öffnen, als dies bisher in Österreich der Fall war. Göttweig ist ein erster Schritt - zeitlich über mehrere Jahrhunderte, räumlich nur über die Donau, zugänglich überall. (Michael Freund/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10. 8. 2008)

Von 16. bis 18. Oktober findet im Stift Göttweig die zweite internationale bildwissenschaftliche Konferenz unter dem Titel "Blick ins 21. Jahrhundert" statt. Näheres unter: www.donau-uni.ac.at/department/bildwissenschaft

  • Ein Sprung ins 18. Jahrhundert, ein Hupfer über die Donau: Die Kremser
Bildwissenschafter nehmen sich der Druckgrafiksammlung des Stiftes
Göttweig an und zeigen Bilder aus Venedig.
    foto: gssg

    Ein Sprung ins 18. Jahrhundert, ein Hupfer über die Donau: Die Kremser Bildwissenschafter nehmen sich der Druckgrafiksammlung des Stiftes Göttweig an und zeigen Bilder aus Venedig.

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