Unort - Olga Flor

8. August 2008, 18:24
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Die Frau auf dem Rücksitz hatte sich geweigert, den Sicherheitsgurt an­zulegen; die Augenlider geschlossen - Der Fahrer nähert sich der Grenze, die Ausfalls­quote ist kalkulierbar

Der Innenhof war durchaus nett, viel Grün, Bäume mit Bänken darunter; ja, dachte Kühn, man konnte durchaus verstehen, dass die Leute ihr Leben hinter sich ließen, um hier zu wohnen. Sie bekamen eine faire Chance. Jeder bekam eine faire Chance, fast jeder. Er lächelte eine junge Frau an, die ihm entgegenkam, das linke Bein ein wenig steif. Besser als dieser schwammige Zustand vorher; zumindest sahen die Menschen hier drinnen das so, sonst wären sie ja nicht hergekommen. Sie hatten einen Rechtstitel, Anspruch auf Essen, Kleidung und Unterkunft, man kümmerte sich um sie, solange sie nicht verschwanden. Das war eine andere Sache. Das Mädchen würden sie auch rasch wieder auf den Damm bringen, davon war auszugehen. Nettes Lächeln. Nicht diese zudringliche Abgeklärtheit, dieses: von mir kannst du alles haben, du Arschloch, solange du kreditwürdig bist, dem man so oft begegnete. Die Kreditwürdigkeit wird beiläufig als Erstes überprüft, während gut gepolsterte Lippen fragen, was sie für einen tun können. Eine Menge.

Die Frau auf dem Rücksitz hatte sich geweigert, den Sicherheitsgurt anzulegen; die Augenlider waren geschlossen und zitterten höchstens leicht, sodass Kühn das Gesicht ungeniert (allerdings nur indirekt und stark verkleinert) betrachten konnte. Obwohl er auch sonst nicht allzu viel Hemmungen gehabt hätte. Das Gemustert-Werden gehört dazu. Er war zufrieden. Sie sah alt aus. Das war sein Auftrag gewesen, eine Frau zu finden, die wirklich so alt aussah, wie sie war, und er hatte die Vorgaben erfüllt. Gar nicht so einfach. Die langen grauen Haare hingen matt herab und liefen in unbestimmten Fransen auf dem dunklen Jackett aus; das würde sich richten lassen. Ihre bleiche, leicht fleckige Haut staute sich in feinen Falten an der Seite, wo der Kopf sich zur Schulter neigte.

Das Alter hat sich verzogen. Kühn tat seine Arbeit. Kein Alter weit und breit. Wer hätte das gedacht, dass das Fehlen des Alters einmal ein Problem sein könnte. Vier, fünf Dunkelhäutige bei den Begrüßungsrunden ausgesondert, die altern anders. Lag wohl an der Sonne und der Unterernährung. Die Asiatinnen sahen dafür ewig aus wie 25. Keine Ahnung, woran das liegen könnte. Und auf der Straße: alle unterspritzt und ausgebügelt. Zumindest die, die sich noch zeigten. Wie viele wirklich von den verlockenden Möglichkeiten Gebrauch machten, die sich den Golden Agers boten, die aussteigen wollten auf die sanfte Tour? Das war es jedenfalls, was Kühn zu tun vorhatte, wenn es bei ihm so weit sein würde. Man muss wissen, wann es genug ist. Alles ausschöpfen und dann: sauberer Schnitt.

Die Frau war ihm nach Aushändigung der Unterlagen in den offenen Bereich gefolgt. Auch selten, dass jemand in dem Alter noch herüberkam. Die meisten waren jung und fortpflanzungsfreudig. Da war dann erst recht Vorsicht geboten. Man durfte das sensibel austarierte Gleichgewicht der Bevölkerungsgruppen nicht in Gefahr bringen. Die Frau sprach leidlich Deutsch. Kühn hatte sogar ohne Schwierigkeiten eine Nachtarbeitserlaubnis erhalten - und die wurde nur äußerst selten beim ersten Mal ausgestellt, ein echtes Entgegenkommen für Kühns Kunden, deren Ruf also besser sein musste, als Kühn gedacht hatte, oder lag es an ihm selbst? Das war wahrscheinlicher, er hatte schließlich mit Talent, Zielstrebigkeit und Flexibilität erfolgreich einen Markennamen aufgebaut -, sodass er die Frau erst morgen Abend wieder zur Nächtigung ins Resort zurückbringen würde müssen. Nach Sexarbeiterin sieht sie allerdings nicht aus, hatte der ausfertigende Beamte mit einem Grinsen festgestellt. Aber was wusste man schon. Marktnischen gibt's überall, und Mangel erhöht den Wert. Entgelt jedenfalls laut entsprechendem Tarif. Glück für die Frau, die auf dem Rücksitz eingeschlafen war. Sicher abgeholt nach zehn Tagen. Kühn verringerte das Tempo, obwohl das eigentlich nicht mehr nötig gewesen wäre, alte Gewohnheit, auch wenn die Sichtkabinen längst aufgegeben worden waren, das Empfangskomitee zerstreut, der Verputz schmutzig.

Vorschnelle Unterwerfung

Länger als zwei Wochen bleibt niemand im geschützten Bereich. Der Rest wird zurückgeschickt; nicht, dass es nicht Leute gäbe, die es immer wieder versuchten, und zwar schon vor der halbjährlichen Wartefrist. Kühn war ein kommunikativer Mensch, ihm kam viel zu Ohren. Jeden Nachmittag (und bei Nachfrage auch nach Bedarf) halbstündliche Blitz-Assessment-Runden im Come-Together-Center, nach Anforderungsprofil sortiert. Da fände sich sicher wieder was Passendes, hatte die Informationsoffizierin gemeint, als sie ihm die Unterlagen über die Neuzugänge aushändigte. Und sie hatte recht behalten.

Was war das doch noch für eine Grenze gewesen früher. Kühn erinnerte sich zwar nicht mehr an die erforderlichen Anträge und mitzuführenden Unterlagen, das hatten die Eltern erledigt, dafür umso genauer an die technischen Details der Annäherung an die Grenzstation: das viel zu früh abgesenkte Fenster auf der Fahrerseite (das ihm mit der Zeit peinlich erschien, so ein deutliches Zeichen der Überbemühtheit, der vorschnellen Unterwerfung), das langsame Heranrollen des Fahrzeugs an den Grenzposten unter den straßenüberspannenden Betondächern, das Hinaushalten der Pässe durch den Vater, das leichte Ducken, nur nicht auffallen, keinen Anlass geben, genauer in Augenschein genommen und gefilzt zu werden. Und immer noch empfand Kühn ein seltsames Vergnügen, wenn er mit kaum gedrosselter Geschwindigkeit unter dem straßenbreiten Dach hindurchfuhr, im Grunde damit rechnend, dass doch noch ein Zollbeamter aus dem Hinterhalt springen und ihn zu einer scharfen Bremsung zwingen könnte. Doch natürlich geschah nichts dergleichen. Er zog Rotz hoch, was die Frau nicht aus dem Schlaf zu holen vermochte, und dachte daran, dass ein Allergietest vielleicht angebracht wäre. Durch die endlich freien Nasenlöcher drang scharf ein Neuwagengeruch, dem auch eifriges Einschalten des Gebläses nichts anhaben konnte. Und irgendwie ärgerte es ihn, dass die Frau so einfach vor sich hin schlief, ganz ohne Ahnung, was für eine Bedeutung diese innereuropäische Grenze einmal gehabt hatte.

Kein Bleiben

Dumm nur, dass man ihm nicht gesagt hatte, was die Auftraggeber über das Aussehen hinaus erwarteten. Kühn wusste, dass die Voraussetzung für zufriedene Kunden eine genaue Bedarfserhebung war, und dennoch hatte er diesmal so wenig in Erfahrung bringen können. Wenn nicht sexuelle Handreichungen, was dann? Werbung? Was anderes konnte Kühn sich eigentlich nicht vorstellen. Abschreckendes Beispiel vielleicht. Nicht, dass sie ihm nicht leidgetan hätte. Was versprach sie sich? Warum hatte sie das Risiko auf sich genommen? Warum tat sie sich das an? Es war schließlich nicht einfach, hierher zu kommen. Vom Bleiben ganz zu schweigen; die Chancen dafür standen ohnehin gleich null, wenn man es sich recht überlegte. In ihrem Alter, aber war es nicht ihr Alter gewesen, das jetzt gefragt war, das ihr auf einmal weitergeholfen hatte? Fragte sich nur, wie lange. Konnte ja schließlich kein Dauerzustand sein, der Job. Andererseits würde sie die Hauptanforderung (Alter) mit der Zeit immer besser erfüllen. Kühn erkannte, dass er mit seinen Überlegungen nicht weiterkam. Vielleicht mal ganz interessant zur Abwechslung: Lippen, die keinen Schlauchbootrand formten und jämmerlich absoffen, sobald man hineinstach.

Die letzte Fuhre für diese Woche. Er freute sich auf die ausgehandelte Marge und ein verlängertes Wochenende; die Tankanzeige leuchtete. Die anrückenden Bergvorboten erinnerten ihn daran, dass er es wieder mit einer Füllung über die Grenze geschafft hatte; wenn man so viel fuhr wie er, dann musste man auf so was wie Benzinpreise achten, und die waren immer noch nicht vereinheitlicht; eine der wenigen verbliebenen Kompetenzen der Regionalregierungen war die Steuergestaltung. Steuerfreiheit für freie Regionen! Oder so. Er zog den Zapfstutzen aus dem Tankloch. Ein Getränk wär' nicht schlecht. Sollte er sie fragen? Nein, sie schlief. Lassen wir sie also schlafen. Keinen Moment lang zog er die Möglichkeit in Betracht, sie könne seine Abwesenheit nutzen, um sich zu verselbstständigen. Das tat einfach niemand, der seine Sinne beisammen hatte. Als er die Tür öffnete, um die Einkäufe abzulegen (es war doch mehr geworden), reagierte sie immer noch nicht, hallo, sagte er, hallo, wir sind bald da.

Er knallte die Wagentür zu, woher diese plötzliche Wut kam, war ihm nicht ganz klar, - Himmel, dachte er, sie schläft doch nur! -, und fuhr etwas heftiger an, als das erforderlich gewesen wäre, und schon während er das tat, spürte er, dass der Körper hinter ihm ohne Führung war, durch den Ruck aus seiner Sitzhaltung gelöst, rückhaltlos zur Seite sackte und nach vorne glitt. Er würgte den Motor ab und fluchte resigniert (Alter, dachte er, was erwartet man), während die Berge und mit ihnen Provision und Wochenende ins Bläuliche verschwammen: Ausfallsquote kalkulierbar. (Olga Flor, ALBUM/DER STANDARD, 09./10.08.2008)

Zur Person:
Olga Flor, geboren 1968 in Wien, aufgewachsen in Wien, Köln und Graz, lebt in Graz. Sie studierte Physik und arbeitete im Multimedia-Bereich. Ihr erster Roman "Erlkönig" erschien 2002, der Monolog "Fleischgerichte" wurde 2004 im Schauspielhaus Graz uraufgeführt. Der Roman "Talschluss" erschien 2005. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Ihr neuer Roman "Kollateralschaden" ist soeben bei Zsolnay erschienen.

  • "Er knallte die Wagentür zu, woher diese plötzliche Wut kam, war ihm
nicht ganz klar, - Himmel, dachte er, sie schläft doch nur! -, und fuhr
etwas heftiger an, als das erforderlich gewesen wäre, und schon während
er das tat, spürte er, dass der Körper hinter ihm ohne Führung war":
Olga Flor.
    foto: heribert corn

    "Er knallte die Wagentür zu, woher diese plötzliche Wut kam, war ihm nicht ganz klar, - Himmel, dachte er, sie schläft doch nur! -, und fuhr etwas heftiger an, als das erforderlich gewesen wäre, und schon während er das tat, spürte er, dass der Körper hinter ihm ohne Führung war": Olga Flor.

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