Moder aus dem Brecht-Keller

8. August 2008, 16:53
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Gedanken-Festspiel: "Die Maßnahme" im Salzburger Republic

Salzburg - Die Theatersektion der Salzburger Festspiele gerät nach einem aufgewärmten norwegischen Inszenierungsimport unter Erklärungsdruck. Was konnte ausschlaggebend dafür gewesen sein, ausgerechnet das aus gutem Grund am meisten versteckte Stück Bertolt Brechts in einer von altmodischem Ideologiepathos strotzenden Regieverpackung ins Avantgarde-Auslagenfenster des Young Directors Project zu stellen?

In der nervtötenden, musikalisch dreisprachigen Mixt-Media-Zelebrierung des gnadenlos stalinistischen Lehrstückes über mörderische Parteidisziplin traut man seinen Augen und Ohren nicht. Statt einer Auseinandersetzung mit der finsteren Kehrseite eines Antikriegspoeten und Aufklärers wurde ein ganz und gar distanzloses, dröhnendes Chororatorium mit unerheblicher Video- und Darstellergarnierung vorgesetzt.
Die Maßnahme gehört in jene Kategorie von Selbstbeschädigungswerken, die imstande sind, einen ganzen dichterischen Großkontinent infrage zu stellen. Weil sie eine fatale Grundhaltung freilegen: 1930 verfasst, von Faschisten wie Kommunisten verboten, vom Dichter selbst verworfen und in späteren Stücken relativiert, ist sie mehr als ein ideologischer Betriebsunfall eines Großhumanisten.

Blechgepanzert mit den stampfenden Gehirnwaschgesängen Hanns Eislers, postuliert Brecht das Recht der Partei, humane Abweichler nicht nur zu liquidieren, sondern die Richtlinienopfer von schlechtem Gewissen gereinigt in den Tod zu schicken. Das mitleidende Individuum wünscht selbst seine Auslöschung. Der überführte junge Parteisoldat begrüßt die "Maßnahme" seiner Erschießung. Sie befreit ihn von der Schuld der Menschlichkeit. Praktizierte Humanität ist nichts anderes als unverzeihliche Schwäche. Die Heiligung aller Mittel ist eine Kernbotschaft, die auch nicht mit der bemühten Unterstellung eines abstrakten politischen Gedankenspiels zu entschärfen ist. Die Maßnahme ist agitatorischer Brecht, radikal zugespitzt mit allen Mitteln simplifizierender Argumentation.

Es wäre die dringliche Aufgabe von Theatermachern, die Selbstverwundung eines Menschlichkeitsdichters in einen kritischen Rahmen zu stellen. Diese Notwendigkeit ist dem Transiteatret-Bergen noch nicht gedämmert. Konzeptregisseur Tore Vagn Lid nähert sich dem vielfach entzauberten Mythos Brecht auf sträflich-naive Weise. Er hat offenbar nichts über historische Schauprozesse gehört und ignoriert, weshalb dieses stalinistisch inspirierte Anleitungsstück vor dem Hintergrund globaler ideologischer Kriege in dieser unbedarften Form einfach nicht gespielt werden kann und darf.

Es ist unverantwortlich, Die Maßnahme ohne Anflug eines Kommentars abzuliefern. Es ist etwas passiert seit 1930. Das Schüleraufführungsniveau bleibt das Erträglichste an der Sache, der im Publikum verteilte Chor hat wohltuende Schweigepausen. Diese Unterrichtsstunde über episches Theater ist ein Ärgernis. (Anton Gugg, DER STANDARD/Printausgabe, 09./10.08.2008)

  • Beflissener Eifer mit anrüchigem Sujet: Das Transiteatret-Bergen müht sich an Brecht/Eisler ab.
    foto: joensson

    Beflissener Eifer mit anrüchigem Sujet: Das Transiteatret-Bergen müht sich an Brecht/Eisler ab.

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