"Die Jugend wird gerade doppelt desillusioniert"

8. August 2008, 16:49
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Die Hay Group hat aktuell erhoben, dass die Jungen in heimischen Unter- nehmen ihren Zielbonus nicht erreichen - Über die Hintergründe spricht Österreich-Chef Dietrich Schramm im Interview

STANDARD: Sie haben aktuell festgestellt, dass die Jungen, die unter 30-Jährigen, in den heimischen Unternehmen nur rund 75 Prozent ihres Zielbonus erreichen. Woran liegt das? Zu ambitionierte Kennzahlen? Mangelnde Performance?

Schramm: Einerseits an den sehr hohen Zielen, andererseits ist die Belastbarkeit nicht so groß wie erwartet. Vorgesetzte haben auch gelernt, etwas differenzierter zu führen. Da heißt es heute schneller: bis hierhin und nicht weiter.

STANDARD: Sind die Erwartungen an die Jungen also zu hoch?

Schramm: Nein, die sind richtig, werden aber großteils nicht erfüllt. Da spielt auch Selbstüberschätzung mit, die kommt aus dem Bildungssystem. Die Leute können was in den Fachbereichen, aber kaum etwas oder nur sehr wenig im Menschlichen.

STANDARD: Was meinen Sie konkret?

Schramm: Ganz einfache Dinge, wie das Bewusstsein zu haben, dass Fleiß und Dauerhaftigkeit eine Basis des Erfolges sind. Das haben sehr viele nicht gelernt, sie sind orientiert an Projekten, interessiert an Etappensiegen. Das Interesse heißt oft: schnell viel Geld zu verdienen. Das tritt aber sehr selten ein. Damit befinden sich viele Hochschul- und Fachhochschulabsolventen jetzt in einer Desillusionierungsphase.

STANDARD:: Aber suggeriert wird diesen Leuten doch, dass sie gesuchte High Potentials (HiPos) sind ...

Schramm: Ja, und die Bedeutung der menschlichen Eigenschaften wird noch immer unterschätzt.

STANDARD: Ist der HiPo-Hype also vorbei?

Schramm: Ich glaube, dass der Begriff abgetreten ist. Was ist denn ein High Potential? Welche Eigenschaften hat er?

STANDARD: Und welche hat er?

Schramm: Das kommt auf den Job an. Aber ein Verkäufer wird sicher zu einem exzellenten Verkäufer, wenn er zum Beziehungsmanagement fähig ist. Verkaufstechniken allein werden das nicht bringen. Da sind wir wieder bei den menschlichen Qualitäten. Ich persönlich finde die Bezeichnung "High Potential" auch zu abwertend. Was sind dann die anderen - Low Potentials? Was ist dann eine Hausfrau mit drei Kindern? In ihrem Umfeld doch auch ein High Potential, oder nicht?

STANDARD: Also haben Unternehmen einen falschen Fokus beim Rekrutieren, obwohl die sogenannten Soft Skills so ein Riesenthema sind? Denn wenn die Jungen den Zielbonus nicht erreichen, dann wird die Enttäuschung ja beiderseitig sein, oder?

Schramm: Vieles hat sich da schon verbessert. Es wird aber noch immer zu wenig differenziert, zu viel auf Ausbildungen auf dem Papier geschaut. Ich kann schon einen Vogel Strauß so lange trainieren, bis er auf Bäume klettert - lieber ist mir aber doch ein Eichhörnchen, sagen meine amerikanischen Kollegen gerne.

STANDARD: Wachen viel umworbene Junge in ihren Einsteigerjobs und Unternehmen also gerade auf? Ist das die Desillusionierung, von der Sie reden?

Schramm: Ja, die Jugend wird gerade doppelt desillusioniert. Es heißt jetzt vielerorts: auf den Hosenboden setzen und zehn, zwölf Stunden arbeiten. Und aber vermutlich trotzdem nicht so viel verdienen wie erwartet - wahrscheinlich auch weniger als die, die länger im Unternehmen sind. Man erkennt, muss erkennen, dass Erfolg mittel- und langfristig orientiert ist.

STANDARD: Kein guter Ansatz für die Personalberatung, die ja auch davon lebt, dass Leute wechseln, weil sie sich verbessern wollen.

Schramm: Das ist kein Plädoyer gegen Wechseln. Ich halte nur jeden für gut beraten, der zuerst seine Möglichkeiten im Unternehmen ausschöpft, statt nach längstens zwei Jahren zum nächsten Unternehmen zu hoppen, sobald irgendetwas nicht passt. Sonst wiederholt sich die Geschichte, und nichts bessert sich.

STANDARD: Der adäquate Umgang mit dem Desillusioniert-Sein?

Schramm: Es sind dabei die Leute besser dran, die diese Themen im Vorwärtsschreiten lösen.

STANDARD: Also klassisch: Erfahrung sammeln, auch scheitern lernen ...

Schramm: Es gehört einfach dazu. Für ganz zentral in solchen Prozessen halte ich die Erkenntnis, dass man zuerst investieren muss und erst dann konsumieren kann. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.8.2008)

  • Dietrich Schramm mag den Begriff "High Potential" nicht und sieht gegenwärtig eine Phase der Desillusionierung bei den Jungen.
Zur Person
Dietrich Schramm ist in der Hay Group, die in Beratung und Selektion
tätig ist, für das Österreich-Geschäft zuständig. Hay Group ist
weltweit mit 88 Büros und 2600 Mitarbeitern vertreten, 7000 Unternehmen
werden derzeit beraten.
    foto: standard/heribert corn

    Dietrich Schramm mag den Begriff "High Potential" nicht und sieht gegenwärtig eine Phase der Desillusionierung bei den Jungen.

    Zur Person

    Dietrich Schramm ist in der Hay Group, die in Beratung und Selektion tätig ist, für das Österreich-Geschäft zuständig. Hay Group ist weltweit mit 88 Büros und 2600 Mitarbeitern vertreten, 7000 Unternehmen werden derzeit beraten.

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