Hilferuf: Archäologische Fundstelle "in großer Gefahr"

8. August 2008, 13:19
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Forscher appellieren in Offenem Brief, die Fundstelle auf dem Wachtberg in Krems zu erhalten - 27.000 Jahre alte Doppelbestattung von Neugeborenen wurde dort entdeckt

Wien/Krems - Während derzeit der Fund der "Venus von Willendorf" vor 100 Jahren gefeiert wird, ist eine andere archäologische Sensationsfundstelle ganz in der Nähe gefährdet, warnen prominente Wissenschafter in einem am Freitag veröffentlichten Offenen Brief: Eine der bedeutendsten Fundstellen in Europa, der Wachtberg in Krems, sei "in großer Gefahr". Die Eigentümer eines im Zentrum der Fundstelle liegenden Grundstücks, wo 2005 die spektakuläre 27.000 Jahre alte Doppelbestattung von Neugeborenen entdeckt wurde, wollen nach Angaben der Forscher im Herbst auf dem Gelände bauen.

Fund

Wissenschafter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) entdeckten vor drei Jahren mit dem Säuglingsgrab die älteste Bestattung Österreichs. Die beiden in roten Farbstoff eingebetteten Säuglingsskelette mit Beigaben in Form einer Kette aus Elfenbeinperlen blieben deshalb so gut erhalten, weil die Grabgrube mit dem Schulterblatt eines Mammuts abgedeckt und damit geschützt war. Ein Jahr später wurde nur einen Meter daneben eine weitere Säuglingsbestattung freigelegt.

Offener Brief

Der Wachtberg in Krems zähle "zweifellos zu den bedeutendsten jungpaläolithischen Fundstätten Europas", schreiben mehr als 20 Wissenschafter und Museumsdirektoren, wie ÖAW-Generalsekretär Herwig Friesinger, Bernd Lötsch, Direktor des Naturhistorischen Museums Wien, oder der Anthropologe Horst Seidler (Uni Wien) in dem Offenen Brief, der an Bundespräsident Heinz Fischer, Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ), Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) und NÖ Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) adressiert ist. Aufgrund der Bauabsichten der Grundeigentümer werde "verzweifelt versucht, in einer hochrangigen Gesprächsrunde eine Kompromisslösung zu erarbeiten".

Überbauung wäre möglich

Das Denkmalschutzgesetz verbiete zwar die Zerstörung durch Bauarbeiten, nicht aber die Überbauung von bisher nicht freigelegten Fundschichten. Bisher habe nur ein Teil eines einzigen Zeltbereiches freigelegt werden können. "Nur eine umfassende wissenschaftliche Erhebung des Gesamtbefundes würde es ermöglichen, die Lebensumstände der Menschen vor 27.000 Jahren ans Licht zu bringen", heißt es in dem Brief.

Novellierung des Denkmalschutzgesetzes gefordert

Die Unterzeichner des Briefes appellieren, "rasch zu helfen, eines der bedeutendsten österreichischen Forschungsprojekte noch in letzter Sekunde zu retten". Zudem fordern sie eine Novellierung des Denkmalschutzgesetzes angesichts einzigartiger Bodendenkmäler, die jedoch mehrere Meter tief liegen. Bei besonderem öffentlichen Interesse sollte nicht nur der Erhalt der Substanz des Befundes, sondern dessen umfassende wissenschaftliche Erhebung sichergestellt werden. Zudem regen sie die Erarbeitung geeigneter EU-Richtlinien zur gesetzlichen und finanziellen Absicherung jener archäologischen Forschungsprojekte an, denen von einer internationalen wissenschaftlichen Kommission herausragende Bedeutung zuerkannt wird.

Reaktion

Die Fundstelle am Wachtberg "soll erhalten bleiben", erklärte der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll am Freitag in Willendorf am Rande des "Venusfestes" auf Anfrage. Er habe Bernd Lötsch, Direktor des Naturhistorischen Museums, versprochen, "was zu tun", so Pröll weiter. Natürlich gehe es auch um die Grundeigentümer. Der genaue Inhalt des Offenes Briefes, in dem Forscher vor der Gefährdung der Fundstelle durch Bebauungsabsichten warnen, war Pröll zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt. (APA)

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