Treibstoffpreise: Unerwünschter Lerneffekt

7. August 2008, 19:47
77 Postings

Die Treibstoffpreise stiegen und die Österreicher lernen. Aber anders, als Grünbewegte erwartet hätten - Von Leo Szemeliker

Vor gar nicht allzu langer Zeit herrschte in autokritischen Kreisen noch die Doktrin: Kosten Benzin und Diesel einmal zwanzig, fünfundzwanzig Schilling, dann wird aus den Österreichern schlagartig ein Volk von Bus-, Bahn- und Radfahrern. Nun sahen wir zu Beginn dieses Sommers bereits Spritpreise in Höhe von 1,50 Euro, was - nicht inflationsbereinigt, einfach umgerechnet - bis 2002 rund 21 Schilling entsprochen hat. Siehe da: Die Österreicher lernen. Aber anders, als Grünbewegte erwartet hätten.

Sie sparen bei der Autowäsche, beim Urlaub, wollen eine neue, günstigere Versicherung abschließen, vielleicht beim nächsten Autokauf mehr auf Verbrauchseffizienz schauen. Und sie geben weniger Trinkgeld. Was mehrere Berufszweige - ironiefrei gesagt - ziemlich hart treffen wird.

Aufs Auto gänzlich verzichten wollen die wenigsten, die es nicht ohnehin schon tun. Denn wer hat schon das Privileg, jeden Tag bei Schönwetter aus einem Bobo-Bezirk in die Innenstadt ins Büro radeln zu können und bei Schlechtwetter eine halbwegs regelmäßig verkehrende Straßenbahn zur Verfügung zu haben? Ein Pendlerschicksal sieht anders aus: Entweder man sucht mühsam nach Schicksalsgenossen für Fahrgemeinschaften oder steht um vier Uhr früh auf, um mit dem Bus etwa vom Südburgenland oder dem Waldviertel stundenlang in die große Stadt zum Arbeitsplatz zu fahren. Ein Auto kann Lebensqualitätsgewinn bedeuten.

Trotzdem wäre nichts dümmer als eine Spritpreisregelung. Preise entstehen durch Angebot und Nachfrage. Wenn der Staat Arbeitnehmer entlasten will: Wie wäre es endlich mit einer gut geplanten Steuerreform? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.8.2008)

 

Share if you care.