Zwei vom gleichen Schlag

7. August 2008, 18:31
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Das IOC und China haben sich gesucht und gefunden, doch nur China entwickelt sich - von Fritz Neumann

16 Tage noch, dann sind die Spiele der XXIX. Olympiade auch schon wieder gelaufen. 16 Tage, dann dreht China wieder unzählige Fabriken auf, dann darf wieder jeder Pekinger mit seinem Auto fahren, dann werden wieder ohne Unterlass die Menschenrechte verletzt in China. Das ist es, wovon die Skeptiker ausgehen, jene, die zu einem Boykott aufgerufen hatten. In 16 Tagen steigt die Schlussfeier, sie wird nicht ganz so pompös ausfallen wie die heutige Eröffnung, nur wenige Politiker werden kommen. Bei Schlussfeiern bleiben Sportler, die noch vor Ort sind, Freiwillige und Fans meistens unter sich. Schlussfeiern sind oft sympathischer als Eröffnungsfeiern.

Zur heutigen Eröffnung tanzen, da gehen die Schätzungen auseinander, 80 bis 110 Staatsleute aus aller Welt an, darunter George W. Bush und Nicolas Sarkozy, Norbert Darabos und Reinhold Lopatka. Bush will seine Verbundenheit mit dem chinesischen Volk demonstrieren, Sarkozy will nicht, dass französische Supermärkte in China boykottiert werden, Darabos ist in China, weil Fischer und Gusenbauer nicht wollten, und Lopatka wollte Österreichs Sportler nicht (mit Darabos?) allein lassen.

Olympia in Peking, das passt schon. Von verschiedenen Welten, die hier aufeinanderprallen, sprechen viele. Dabei ist das Gegenteil der Fall, zwei vom gleichen Schlag haben sich gesucht und gefunden. Auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist vor allem darum bemüht, sich die Macht und Kontrolle über sein "Volk", den Sport, zu erhalten. Das hat oft diktatorische Züge. Olympia-Teilnehmer müssen sich per Unterschrift teils völlig unzeitgemäßen Richtlinien unterwerfen. Sie dürfen nur eingeschränkt bloggen, nicht werben, dürfen keine politischen Statements abgeben, müssen einheitlich gekleidet sein. Wohlgemerkt, das sind keine chinesischen, das sind olympische Richtlinien.

Schon vor den Spielen in Peking sind die IOC-Rücklagen auf 353 Millionen US-Dollar angewachsen. Das Geld und die Macht gilt es zu mehren. Zu diesem Behufe nimmt sich die olympische Sportwelt an China ein Beispiel. Am zentralistischen Beamtenstaat, der 2000 Jahre alt und - könnte man sagen - das stabilste System der Welt ist. Doch aufgepasst, China wandelt sich. Die Wirtschaft wächst zwar schnell, aber nicht mehr so schnell wie vor kurzem noch. Die Zahl der Arbeitslosen und also Unzufriedenen wächst, auch bei Hochschulabsolventen. Brot und Spiele reichen nicht, das Volk kriegt - langsam - mehr Mitspracherecht. In den Provinzen soll dem traditionellen Stimmenkauf und der traditionellen Wahlfälschung mit einem neuen Gesetz schon bald der Kampf angesagt werden. Beobachter sprechen von einem großen Schritt im Demokratisierungsprozess. Die Olympischen Spiele haben ihn beschleunigt.

16 Tage noch, dann werden die Spiele den Chinesen viel gebracht haben. Wie kein Land und keine Stadt zuvor werden China und Peking auch nachher von einem Großereignis profitieren können. Noch ist nicht absehbar, wie viele Pekinger vom Auto auf die bestens ausgebaute U-Bahn umsteigen werden. Es werden viele sein. Ob sich die Luftqualität verbessern lässt? Bald werden endlich Ozon- und Feinstaubbelastung gemessen. Ob die Chinesen im Internet weiterhin, wie seit kurzem, auf Wikipedia zugreifen dürfen? Man wird sehen. Noch ist nicht absehbar, wie schnell sich eine neue politische Generation etablieren kann, die gegen Korruption auftritt. Sie wächst heran. Ob die Gespräche zwischen China und Tibet etwas bringen? Es wird zumindest gesprochen werden. Was wäre ohne die Spiele? (DER STANDARD, Printausgabe, 8.8.2008)

 

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