Die Angst des Phönix vor dem Fliegen

7. August 2008, 18:37
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Die politischen und wirtschaftlichen Hypotheken, die Peking aufnahm, um mit den Spielen einen Spitzenplatz für China in der Weltpolitik zu erringen, sind viel größer, als es sich das vorgestellt hatte.

Phönixe halten sich nach chinesischer Mär nur in einem Land auf, das keine böse Absichten hegt. Das Fabeltier löst ganz andere Assoziationen aus als der unberechenbare Drache, der als bekanntestes Symbol für China steht. Die Inszenierung der Eröffnungsfeier von Regisseur Zhang Yimou ist voller Anspielungen, die der Welt die Angst vor Chinas Aufstieg nehmen sollen, jetzt, wo die Spiele im Reich der Mitte angekommen sind.

China und Olympia: Es gibt kein vergleichbares Ereignis, das von so vielen Hoffnungen und Befürchtungen begleitet wurde, seit die Spiele 2001 an Peking vergeben wurden. Bücher sind im Ausland über ihre mögliche Wirkung als Katalysator für den politischen Wandel und die Demokratisierung erschienen. Anders als in Japan 1964 oder in Südkorea 1988, wo die Spiele im Nachhinein zu umwälzenden Veränderungen führten, war für China aber schon ihre Vergabe die historische Zäsur. Die Pekinger bejubelten sie als weltweite Anerkennung, dass die Bedingungen für den Aufstieg Chinas zur Weltmacht reif waren.

Globale Verantwortung

Auf den ersten Blick haben sie Recht behalten. Die Karawane der Politiker und Wirtschaftsführer, die zur Gala reisen, hat üppige Ausmaße angenommen. Fast alle sind dabei: die Bushs, Putins, Sarko- zys, Asiens Mächtige, Lateinamerikas und Afrikas Potentaten, Ölscheichs und Militärmachthaber, europäische Königspaare oder die Thai-Prinzessin. Viele der illustren Gäste rationalisieren ihre Teilnahme mit dem Wunsch, die neue Macht im Fernen Osten im Moment ihres Triumphs in die globale Verantwortung einzubinden. Ihre Aufwartung wird in China als eine Art Tributleistung empfunden. Es ist eine Entschädigung für die 150 Jahre währende Geschichte seiner Marginalisierung. Für die Psyche des Volkes ist es Balsam und legitimiert seine autokratischen Führer, die täglich die glorreiche Renaissance der Nation versprechen. Mit Sport hat das längst nichts mehr zu tun. Aber es war vor diesem Hintergrund, dass China seinen Anspruch auf die Spiele anmeldete.

Land und Volk hätten sehnsüchtig darauf gewartet, dass sich ihr Jahrhunderttraum erfüllt. Den Spielen und sich selbst leistete Peking damit einen Bärendienst. Es überschätzte ihre Bedeutung, politisierte sie. Mit Wut und Zorn reagierte es auf Kritik des Westens. Seither wurden alle Dispute über Chinas Umgang mit Menschenrechten, seine Afrika- oder Wirtschaftspolitik auf dem Rücken der Olympischen Spiele ausgefochten. Hinzu kam, dass Europas Chinakritik oft überzogen war, weil sie Vorurteile und irrationale Ängste in Zusammenhang mit dem Aufstieg des asiatischen Giganten widerspiegelte. Der Streit um den Fackellauf und die Eskalation der Unruhen in Tibet führten gar zum Rückschlag in den Beziehungen Chinas zum Ausland. Zeitweise bedrohten sie sogar die Spiele.

Primitive Manipulation

China kehrte auf einmal überwunden geglaubte Züge eines Systems heraus, das auf Krisen nur mit plumper Propaganda und primitiver Manipulation reagieren kann. Die Welt erlebte für einen Moment ein China, das seine Reihen wieder schloss und ein gefährliches Spiel mit dem nationalistischen Feuer trieb. Die alte Frage, welchen Weg China für seinen Aufstieg wählt, wurde angesichts der neuen wirtschaftlichen und militärischen Stärke wieder akut, aber nun mit großer Sorge gestellt.

Ökonomen haben einen neuen Begriff geprägt, den sie "guai dian" (Wendepunkt) nennen. Sie befürchten, dass Chinas Wirtschaft nach den Spielen unter Einfluss der schwachen Weltkonjunktur, der Inflation, unvollendeter Reformen und der Kosten der Spiele in die Abwärtsspirale gerät. Sollten die pessimistischen Prognosen zutreffen, wird auch die Außenwelt mitleiden - zu verflochten sind heute die Ökonomien. Vom Wohl der Wirtschaft Chinas hängt zudem seine innere Stabilität ab.

Selbst Pekings treueste Freunde wie IOC-Präsident Jacques Rogge relativieren ihre einstige China-Schwärmerei. 2004 verkündete er, dass die Welt in Peking 2008 "Zeuge des erwachenden Asiens wird". Nun schränkte er ein, er habe nicht nur China gemeint, sondern auch Japan und Südkorea. Die Spiele eignen sich eben nicht, die Geburt neuer Imperien zu proklamieren. Und Chinas Präsident Hu Jintao wirbt dafür, sein Land nicht zu überschätzen, sondern weiterhin als Entwicklungsland zu sehen.

Unter dem Druck der übermächtigen Vorbereitungen auf die Spiele blieben wichtige Reformen in China liegen. Mit seiner Umarmung der Marktwirtschaft hatte Peking zwar den Hebel zur gewaltlosen Transformation der bankrotten Gesellschaft nach Maos Kulturrevolution gefunden. Das Land ist heute ungleich transparenter, weltoffener, stärker rechtsstaatlich geprägt und freiheitlicher verfasst als 1978. Aber seine Reformen sind wieder ins Stocken geraten, seine Unterdrückung von Dissens, Minderheiten und religiösen Gruppen hat wieder zugenommen.

Neues Vertrauen wecken

Viele sind von Skepsis und Unsicherheit erfasst, ob die Olympischen Spiele die Modernisierung des Riesenreiches voranbringen, seine Weltverbundenheit verstärken oder in Rückschlägen enden. Staatschef Hu Jintao versprach, nach den Spielen neuen Anlauf zu Reformen zu nehmen. Und Zhang Yimou muss mit seiner Gala nicht nur für die Größe Chinas die Werbetrommel schlagen, sondern auch für neues Vertrauen in das Land. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 8.8.2008)

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    Foto: REUTERS/Ceerwan Aziz (CHINA)

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    Darsteller der Eröffnungsgala vor dem als „Vogelnest“ bezeichneten Sportstadion in Peking.

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