Das Salzburger Bartók-Triptychon: "Herzog Blaubarts Burg"

7. August 2008, 18:01
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Mit einhelligem Beifall endete im Großen Festspielhaus die Premiere von Béla Bartóks Einakter mit Michelle DeYoung und Falk Struckmann

... in der szenischen Gestaltung von Johan Simons.

Salzburg - Ein Motto bedeutet für ein Festspielprogramm immer auch eine Selbstfesselung. Und der dem Hohenlied entnommene Satz "Denn stark wie die Liebe ist der Tod" ist eine ziemlich markante Ansage, die von einem Festival vom Anspruch der Salzburger Festspiele ja wohl mit Richard Wagners Tristan und Isolde oder Claude Debussys Pelléas et Mélisande überzeugend beglaubigt werden müsste und nicht durch - ungeachtet ihres breiten Erfolges - mehr oder minder beliebig gewählte Produktionen.

Am ehesten fügt sich da noch Béla Bartóks Herzog Blaubarts Burg in diese emotionale Folie, auch wenn das Werk mit einer Dauer von nicht einmal einer Stunde keineswegs abendfüllend ist. Daher musste es durch die vier Orchesterstücke op. 21 und ein oratorisches Werk, das Bártok als "Cantata profana" bezeichnet und das den Titel Die neun Zauberhirsche trägt, gestreckt werden.

Dass bei einem so umständlichen und meist nur zu verkrampften Ergebnissen führendes Unternehmen ein so sehenswerter und vor allem auch hörenswerter Abend zustande kommt, geht diesmal erfreulicherweise wirklich auf das Konto aller Mitwirkenden - bis auf den mit einem S-Fehler behafteten Sprecher der Texte, den Claus Peymann, wäre er noch Burgtheaterchef, wohl vom Fleck weg engagieren würde.

Johan Simons hat als szenischer Gestalter glücklicherweise nämlich nicht versucht, die drei Werke zu einer Einheit zu binden, sondern eher eines aus dem anderen zu entwickeln. Das Herz, die vier Orchesterstücke ganz ohne optische Intervention vorbeigehen zu lassen, hat er freilich nicht gehabt. Das hohe Niveau, auf dem sich deren Wiedergabe durch die von Peter Eötvös geleiteten Wiener Philharmoniker ereignete, hätte eine solche szenische Abstinenz nämlich durchaus zugelassen.

Eötvös hat mit wohltuend klarer Gestik auf die in diesen Werken verborgenen stilistischen Anspielungen auf Debussy, Schönberg und auch Mahler verwiesen und deren harmonische Vielfalt in all der ganzen üppigen Pracht, zu der die Philharmoniker fähig sind, freigelegt. Das hätte man auch gehört, ohne dass sich der Vorhang ohne ersichtlichen Grund einmal mehr und einmal weniger bewegte.

Bunte Fassade mit Fenstern

In den Neun Zauberhirschen hat Johan Simons dann schon eindrücklicher losgelegt. Oder besser: sein Bühnenbildner Daniel Richter. Er hat nämlich die Salzburger Festspielbühne in ihrer ganzen Breite und ihrer ganzen Höhe mit einer in hellen Farben gehaltenen bunten Fassade verbaut. Aus kleinen Fenstern, die zur Rechten und zur Linken in vier übereinanderliegenden Reihen angeordnet sind, schaut dann je ein Mitglied der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor heraus. Dadurch wird die Statik des Werkes sehr wirksam belebt, man hat, obwohl nichts passiert, immer etwas zu schauen und noch mehr zu hören.

Diese Neun Zauberhirsche sind eine Art vorweihnachtliches Märchenrätsel, das mit dem christlichen Advent nichts zu tun hat. Vielmehr handelt das Werk von der magischen Verwandlung von neun Bauernsöhnen in Hirsche. Indem Falk Struckmann als Bauer vergeblich versucht, die Söhne zur Heimkehr zu bewegen, entwickelt er schon eine szenische Intensität, die er dann als Herzog Blaubart erst recht in allen ihren Facetten ausspielt.

Falk Struckmann sitzt als blinder Invalide in einem Rollstuhl und Judith, die ihn liebende Frau, fungiert als vor Neugierde berstende Krankenpflegerin. Die Beziehung des Paares scheint umgepolt. Nicht von Blaubart geht die Gefahr aus, sondern von der immer wieder auf die Herausgabe der Schlüssel zu den sieben geheimnisvollen Kammern drängenden weiblichen Gestalt. Michelle DeYoung ist als Judith diese Schwerpunktverlagerung in Spiel und Gesang sehr überzeugend gelungen. Auf eine beinahe die ganze Bühnenlänge ausfahrende Rollstuhlrallye, die sie dabei unternehmen musste, hätte der Regisseur ohne weiteres verzichten können - ebenso wie Falk Struckmann auf seine ihm ebenfalls anbefohlenen spastischen Zuckungen, unter denen er, anders als im Original vorgesehen, nicht allein zurückbleibt, sondern ziemlich kläglich aushaucht.

"Sigmund Freud, schau herunter!" , könnte man sagen und Johan Simons' szenische Version als letal endende Psychoanalyse bezeichnen. Doch allein Daniel Richters Bühnenbild, ein kahler Baum mit bedrückend wuchtigem Geäst, rückt die Stimmung vom Medizinischen ins Allgemeine, was aber auch durch Struckmanns hohes Maß an darstellerischer Dichte und fein nuancierender stimmlicher Ausdruckskraft glaubhaft wird.

Ein Bayreuther Wotan ist zu Bártoks Musik in die ursprünglich französische Märchenwelt übersiedelt. Ob er das Ungarische so gut beherrscht wie das Wagner-Deutsch, kann vielleicht nur Peter Eötvös beurteilen, der Bartóks Musik seine Muttersprache nennt und diese den Wiener Philharmoni-kern auch in diesem Einakter mit allen Finessen beigebracht hat.
(Peter Vujica / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.8.2008)

 

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    Herzog Blaubart als Invalide und seine Frau als vor Neugierde berstende Krankenpflegerin: Falk Struckmann und Michelle DeYoung.

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    Michelle DeYoung als Judith schiebt Falk Struckmann: verzichtbare Rollstuhlrallye auf der Bühne (von Daniel Richter) des Großen Salzburger Festspielhauses in "Herzog Blaubarts Burg" .

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