Kafkas Aufenthalt im Lustwäldchen

7. August 2008, 17:24
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Der britische Forscher James Hawes will entdeckt haben, dass Franz Kafka beim Anblick gehobener Heftchen-Erotik durchaus irdische Freuden genoss - ein skurriler Beitrag

... zu einem sogenannten "Jubiläumsjahr" .

Wien/Oxford - Franz Kafka (1883-1924), dessen in der Tat seltsame Verlobungs- und Entlobungsgepflogenheiten lange Zeit zu schlimmen Befürchtungen Anlass gaben, führte ein Sexualleben ohne besondere Auffälligkeiten. Längst ist die Ansicht überholt, der Prager Dichter sei ein Traumichnicht gewesen, der sich Verklemmungen in nächtelangen Sitzungen von der Seele schrieb.

Der britische Literaturforscher und Kafka-Experte James Hawes hat, wie die britische Tageszeitung The Times ankündigt, nunmehr versprochen, ein neues Licht auf Kafkas intimste Gewohnheiten zu werfen. Kafka unterhielt nicht nur Beziehungen zu Milena Jesenská oder Dora Diamant, die zumindest zeitweise verdienten, "erfüllt" genannt zu werden. Er ging ins Bordell. Auch sonst trägt die akkurate Sorge um die eigene Leiblichkeit (man denke an Kafkas Essneurosen!) zwar Züge der Askese, muss aber noch nicht für "verrückt" gelten. Einem Jahrhundertgenie darf man auch großzügig Schrullen einräumen!

Quellenforschung pur

Hawes aber will im Zuge von Quellenarbeit in der British Library und in der Oxforder Bodleian noch viel brisanteres Material aufgestöbert haben. Kafka habe pornografische Schriften nicht nur besessen, sondern den illustrierten Freudenstoff für stille Stunden regelrecht gesammelt.
Mister Hawes legt aus Anlass seiner Entdeckung die Stirn gehörig in Falten. Der zutage geförderte Stoff - den Kafka übrigens in einer Kassette hortete, die er fein säuberlich verschloss - gehöre noch heute "ins oberste Fach im Regal" . Das Kästchen stand wohlverwahrt im Elternhaus; zog es den Junggesellen Kafka urlaubend in die Ferne, packte er das Schlüsselchen gewissenhaft in sein Reise-Necessaire.

Woran ergötzte sich der hauptberufliche Versicherungsangestellte? Bei Kafkas Pornos handelt es sich um Ausgaben der Druckwerke "Amethyst" und "Opale" . Beide wurden von dem berühmten Verleger und Essayisten Franz Blei publiziert. Blei wiederum setzte sich nicht nur mustergültig für Kafka als jungen Autor ein, sondern war seinerseits einschlägig interessiert - und kompilierte etwa galante Barockliteratur unter dem Titel Das Lustwäldchen (1907).

Spürbar an Anrüchigkeit verliert Kafkas Sammlungsvorliebe, die er übrigens aus Kostengründen (!) mit dem Freund Max Brod teilte, wenn man sich vergegenwärtigt, dass in Bleis privat publizierten Schmuddelheftchen (Auflage: 800 Stück) zwar entblößte Damen abgebildet waren, aber eben auch Texte von Paul Verlaine oder Carl Einstein. Auch Jugendstil-Bildern Aubrey Beardsleys wird man Kunstqualität nicht absprechen können. Hawes selbst qualifiziert die Pornografie als simpel: Tiere begingen Fellatio, Damen kämen auf Damen zu liegen. Sein Urteil: "Unerfreulich" .

Solche Moralansichten mag teilen, wer will. In Wahrheit markiert die Episode die vielen Dilemmata der überbordenden Kafka-"Industrie" . Das zähe Ringen um das wahlweise "wahre" oder auch nur "komplette" Kafka-Bild nimmt immer skurrilere Züge an. Nachdem der letzte Text entziffert, die Krümmung der letzten Minuskel vermessen, das letzte Lebensdetail beflissen erhellt wurde - steht der jüdische Dichter mit dem vollendeten Prager Deutsch rätselhafter denn je vor dem Leser da.

Während James Hawes, der in Oxford "kreatives Schreiben" lehrt, die Veröffentlichung seiner Biografie Excavating Kafka (Quercus Publishers, London) nunmehr erfolgreich beworben hat - der Titel erscheint noch in diesem Monat -, werden die faktischen Erträge des Kafka-Jahres immer geringer, das Ringen um die Deutungshoheit dafür immer zäher. Wer auffallen will in der Flut der Stellungnahmen, muss ungescheut den Blick auch auf die Unterwäsche wagen.

Neue Einsichten gesucht

Forscher Hawes hat seine Entdeckung, vor der die Kafka-Forschung bisher die Augen schamvoll verschlossen gehalten hätte, mit einigen anderen Einsichten verbrämt: Franz Kafka habe sich vor der Gestalt seines Vaters keineswegs so geängstigt, wie kolportiert. Der jüdische Einfluss auf sein Schreiben sei gering gewesen - weitaus geringer jedenfalls, als gemeinhin veranschlagt.

Womit man gefahrlos den Blick auf wichtige (deutschsprachige) Veröffentlichungen zum Thema Kafka richten kann: auf den zweiten Band von Rainer Stachs aufregender Biografie, Die Jahre der Erkenntnis (S. Fischer), sowie auf die ebenso komplexe wie erhellende Abhandlung des Münchners Oliver Jahraus: Kafka: Leben, Schreiben, Machtapparte (Reclam, Ditzingen). (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.8.2008)

 

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    Junggesellen-Gelüste: Franz Kafka (undatiert).

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    Der Zeichner Aubrey Beardsley arbeitete auch zu Kafkas Heftchen-Gaudium: "Lysistrata verteidigt die Akropolis"  (1896).

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