"Ruf ist schlechter als die Wirkung"

7. August 2008, 12:03
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Zu heiß, zu kalt oder es zieht - Die Unzufrieden- heit in klimatisierten Räumen ist groß - Nicht immer zu Recht, weiß Hanns Moshammer, vom Institut für Umwelthygiene im Interview

derStandard.at: Machen Klimaanlagen krank?

Moshammer: Ihr Ruf ist schlechter als ihre tatsächliche Wirkung. Moderne gewartete Anlagen machen in der Regel keine gesundheitlichen Probleme. Früher hat man Klimaanlagen jedoch dazu verwendet, architektonische Fehler wieder gut zu machen. Es wurden Hochhäuser gebaut, in denen hohe Temperaturen ganz einfach nicht vorgesehen waren und daher von vornherein auch kein Kühlbedarf bestand. Später wurden in solche Gebäude dann beispielsweise große Rechenanlagen eingebaut. Die hohe Wärmeabgabe dieser technischen Geräte hat den nachträglichen Einbau einer Klimaanlage erforderlich gemacht.

derStandard.at: Was ist das Problem nachträglich eingebauter Klimaanlagen?

Moshammer: Auch wenn diese Anlagen modern sind, ist der Einbau in ein Gebäude aus den 70-er Jahren schwierig. Hier sind früher in der Tat viele Fehler passiert. Die eingebauten Lüftungssysteme waren zum Teil zu verwinkelt, die Leitungsschächte zu eng, um eine ordnungsgemäße Reinigung zu garantieren. Die Wartung war schwierig oder schlichtweg falsch. Filter wurden nicht regelmäßig ausgetauscht oder es wurde versucht die Keimbesiedelung mit Desinfektionsmitteln zu beseitigen.

Das Ergebnis war: Die Desinfektionsmittel sind in die Raumluft gelangt und haben dort ihre schleimhautreizende Wirkung entfaltet. Beschwerden in Zusammenhang mit Klimaanlagen hat es also sicher gegeben.

derStandard.at: Aber sind die nicht die meisten Klimaanlagen nachträglich eingebaute?

Moshammer: Das ist richtig und natürlich muss man das im Einzelfall beurteilen. Angenommen jemand klagt über Nackenschmerzen aufgrund der Zugluft, dann ist das wahrscheinlich nicht auf einen Wartungsfehler der Klimaanlage zurückzuführen. Hier steckt eher ein Konzeptfehler dahinter. Eine gut konzipierte Klimaanlage muss genug Frischluft ohne Zugluft bereitstellen.

derStandard.at: Kopfschmerzen, Müdigkeit, trockene Schleimhäute – Die Beschwerden Büroangestellter sind oft recht unspezifisch, steckt immer die Klimaanlage dahinter?

Moshammer: Tatsächlich werden viele Probleme den Klimaanlagen angedichtet. Gerade diese unspezifischen Symptome sind auch typisch für das so genannte Sick Building Syndrom. Die Ursachen, die dahinter stecken, sind ganz unterschiedlicher Natur und nur in Einzelfällen besteht ein direkter Zusammenhang mit der künstlichen Raumklimatisierung. Es gibt auch keine Hinweise, dass in Bürogebäuden mit Klimaanlagen gesundheitliche Beschwerden vermehrt auftreten.

derStandard.at: Angenommen das Konzept ist gut, die Klimaanlage ist modern und gut gewartet. Verbessert sich dann die Luftqualität?

Moshammer: Ja. Es gibt Untersuchungen, die beweisen, dass die Luft in klimatisierten Räumen besser ist als in Räumen mit Fensterlüftung. Die Klimaanlage saugt über dem Hausdach liegende Luft an. Fenster öffnen in der Stadt hat dagegen mit Frischluftzufuhr eher wenig zu tun.

derStandard.at: Sonst noch Vorteile gegenüber der Fensterlüftung?

Moshammer: Die regelmäßige Lüftung ist angenehm. Neue Gebäude sind sehr gut wärmeisoliert, der Luftwechsel drinnen ist bei ausschließlicher Fensterlüftung sehr gering. Und oft macht es allein die Lärmbelästigung unmöglich, die Fenster dauernd zu öffnen.

derStandard.at: Wie sieht es mit der Luftbefeuchtung aus?

Moshammer: Es gibt hier ganz unterschiedliche Systeme. Gute raumluftechnische Geräte befeuchten und trocknen die Raumluft bereits automatisch, je nach Bedarf. Falls eine eingebaute Klimaanlage diese Fähigkeit nicht besitzt, sind billige Luftbefeuchter sicher keine Lösung. Meiner Erfahrung nach sind sie Keimschleudern.

derStandard.at: Sind Pflanzen eine Alternative?

Moshammer: Nicht wirklich, denn Pflanzen geben zwar Feuchtigkeit ab, es sind jedoch viele davon erforderlich, um damit das Raumklima auch zu verbessern. Dazu kommt, sie brauchen auch eine sorgfältige Pflege. Bei den Topfpflanzen kann die Erde beispielsweise als Schimmelquelle fungieren.

derStandard.at: Angeblich sinkt bei einer Raumtemperatur von 33 Grad Celsius die Leistungsfähigkeit bereits um 50 Prozent. Aus Sicht des Arbeitgebers scheinen Klimaanlagen unabdingbar zu sein.

Moshammer: Nicht nur die Leistungsfähigkeit, auch das Wohlbefinden allgemein ist bei diesen Temperaturen reduziert. Gesundheitlich gefährdet ist ein gesunder im Arbeitsleben stehender Mensch aber nicht. Ich bin absolut kein Gegner von Klimaanlagen, aber ich glaube nicht, dass sie in jeder Privatwohnung von Nöten sind. Gerade in Altbauten, wo die Mauern sehr dick sind, lässt es sich mit einem vernünftigen Lüftungsregime ebenfalls gut durch einen heißen Sommer kommen.

derStandard.at: Wie sieht ein vernünftiges Lüftungsregime aus?

Moshammer: Fenster in der Nacht öffnen, tagsüber verdunkeln und wenn notwendig mehrmals täglich duschen. Auch eine gute Arbeitszeitgestaltung kann helfen. Mit der Arbeit früh beginnen und mittags nach Hause oder ins Bad gehen. Am besten passt man den Lebensstil an das sich ändernde Klima an.

derStandard.at: Wo würden sie den Einsatz von Klimaanlagen empfehlen?

Moshammer: Alte und kranke Menschen brauchen kühle Räume. Jedes Schwerpunktkrankenhaus oder Pensionistenheim sollte daher klimatisiert sein. Herz-Kreislaufkranke Menschen sind bei hohen Temperaturen gesundheitlich am meisten gefährdet.

derStandard.at: Was ist mit Autos?

Moshammer: Eine Klimatisierung im Auto trägt zur Fahrsicherheit bei. Das Reaktionsvermögen ist bei Hitze sicher verlangsamt. Bei stundenlangen Autobahnfahrten macht eine Klimaanlage daher auf jeden Fall Sinn.

derStandard.at: Bei welcher Temperatur und Luftfeuchtigkeit fühlt sich der Mensch am wohlsten?

Moshammer: Das ist individuell verschieden und führt gerade in Großraumbüros häufig zu Problemen. Im Allgemeinen macht es aber Sinn ein Büro im Winter auf ungefähr zwanzig Grad Celsius zu temperieren. Im Sommer darf es etwas mehr sein, so um die 22 oder 25 Grad Celsius. Mit der Feuchtigkeit ist das so eine Sache, denn feuchte saubere Luft ist kein Problem. Zur Schimmelpilzbildung kommt es erst, wenn sich durch bautechnische Fehler irgendwo Kondenswasser bildet. 60 bis 70 Prozent Luftfeuchtigkeit ist im Winter jedenfalls genug. Bei der trockenen Luft ist es nicht anders. Sie ist nur bei gleichzeitiger Schadstoffbelastung problematisch. (Regina Philipp, derStandard.at, 8.8.2008)

  • Sie ist oft Feindbild im Büro – die Klimaanlage – manche Kollegen bestehen aber drauf
    foto: derstandard.at/mat

    Sie ist oft Feindbild im Büro – die Klimaanlage – manche Kollegen bestehen aber drauf

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