Nicht abwandern

8. August 2008, 09:34
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"Ich bin dafür, dass wir die Seen aus Kärnten verschieben. Und gerecht auf ganz Österreich verteilen", meinte Leslie

Yvonne wollte ans Wasser. Seit Wochen waren ihre Füße so heiß, dass sie sie trotz der Eisbatterien, die sie sich unter die Sohlen legte, nicht mehr kühl bekam. "Da helfen nur noch tiefe Seen", resümierte sie. Zora wandte ein, dass das Problem an vielen Seen in Österreich sei, dass sie sich in Kärnten befänden.

"Dort musst du gut aufpassen, da werden nicht alle geduldet. Wenn du zum Beispiel nicht beweisen kannst, dass du Kärntnerin bist, kann dir passieren, dass du an einen See zum Baden fährst, und am nächsten Tag bist du schon abgeschoben. Über Nacht bringen sie dich weg, und du landest in Voitsberg oder in Lienz, und nur wenn du besonderes Glück hast, im Triglav-Nationalpark."

Leslie, die im "Holland" vor ihrem Eis saß, verstand Zoras Bedenken, fand aber, dass Landschaften für alle Menschen da sein sollten. "Ich bin dafür, dass wir die Seen aus Kärnten verschieben. Und gerecht auf ganz Österreich verteilen." Sie holte mit dem Löffel ein paar Heidelbeeren aus der Tiefe ihres Eisbechers und verteilte sie auf dem Schlagobers.

Yvonne war sich nicht so sicher, ob Gerechtigkeit in dem Fall richtig war. "Wir sollten nicht neidig sein. Es ist gut, dass die Kärntner wenigstens all diese Seen haben. Vielleicht würden sie sich sonst noch viel unglücklicher machen."

Leslie aber ließ dieses Abschieben nicht mehr los. Sie träumte, dass alle rumänischen Elektriker und serbischen Maler plötzlich geschlossen Wien verließen. Sie, die Handwerker so gern mochte, träumte, dass ihre Stadt daraufhin langsam in sich zusammensackte: Zunächst begann ihre Wohnung zu bröseln, die Stromleitungen platzten, die Wasserrohre traten aus den Wänden, und der Verputz blätterte, das Haus geriet aus den Fugen, die Gebäude in ihrem Viertel neigten sich einander zu.

"Marian, bitte komm zurück!", rief Leslie im Traum den Handwerker, der ihr geholfen hatte, den Herd zu versetzen. Marian kam. Erst als sie ihn groß und jeansblau neben sich sitzen hatte, konnte sie ihre Träume vergessen. (Adelheid Wölfl/Der Standard/rondo/08/08/2008)

 

  • "Wir sollten nicht neidig sein. Es ist gut, dass die Kärntner
wenigstens all diese Seen haben. Vielleicht würden sie sich sonst noch
viel unglücklicher machen."
    AP/SVEN KAESTNER

    "Wir sollten nicht neidig sein. Es ist gut, dass die Kärntner wenigstens all diese Seen haben. Vielleicht würden sie sich sonst noch viel unglücklicher machen."

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