Willendorfer Wahnsinn um die Venus

7. August 2008, 10:21
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Mit Venus-Marmelade und -Wein feiern die Willendorfer den Kurzbesuch der 25.000 Jahre alten Original-Venus in ihrem Heimatort

Über Polizeiaufwand und Versicherungssummen herrscht Schweigepflicht.

Willendorf - Die berühmteste Willendorferin stattet ihrem Heimatort am Freitag einen Kurzbesuch ab. Der kleine Wachauer Ort, an dem die Venus vor genau 100 Jahren gefunden wurde, feiert den Anlass volksfestartig. Bei Schönwetter wird die elf Zentimeter große Dame eingeflogen. Für 11 Uhr ist ihre Landung geplant. Dann wird das "Willkommen daheim! - Venusfest" bereits seit einer Stunde im Gange sein.

Da spielt die Musi auf, es gibt Spanferkel und Steinzeit-Burger, Palatschinken mit Venus-Konfitüre aus Willendorfer Marillen und Venus-Wein. Auch ein Postamt mit Sonderbriefmarke hat geöffnet, und Wissenschafter werden von der Bedeutung der 25.000 Jahre alten Dame erzählen. Auf einer Public-Viewing-Leinwand wird die Ankunft der Figur aus Kalkstein am Fundort auf den Festplatz live übertragen. Je nach Wetterlage sollen sich rund 5000 Besucher, darunter 180 Ehrengäste, einfinden.

"De facto unbezahlbar"

"Das wird ein rundes Ereignis. Warum immer nur Fußball?", meint Bernd Lötsch, Direktor des Naturhistorischen Museums (NHM) Wien. Über die Zahl der Polizeibeamten, die für die Sicherheit der Venus im Einsatz sind, und über die Versicherungssumme herrscht Schweigepflicht. "De facto ist dieses weltweit älteste Zeugnis hoher künstlerischer Kultur unbezahlbar", erläutert Lötsch.

Die Venus war nicht immer so mobil. Von 1908 bis 1998 lag sie im Tresor. "Nur Gelehrte und Top-Sponsoren durften das paläolithische Busenwunder mit weißen Handschuhen befingern", erzählt Lötsch. Das Museum habe sich die entsprechende gepanzerte Hochsicherheitsvitrine um damals fast eine Million Schilling nicht leisten können. Durch einen Deal mit dem damaligen Schönbrunner Zoo-Direktor Helmut Pechlaner, der das Original in der Orangerie ausstellen wollte, kam die Dame dann doch noch etwas herum. Seit 2000 blieb sie, nach einem Ausflug nach Bonn, wieder an ihrem Stammplatz im NHM.

Doch Landeshauptmann Erwin Pröll (VP) wollte die älteste Niederösterreicherin zum 100-Jahr-Jubiläum in sein Land heimholen. In einem Koffer wurde sie daher am 17. Mai 2008 per Panzer in ihre Heimat kutschiert. Im Niederösterreichischen Landesmuseum in St. Pölten war sie bis Donnerstag in der Ausstellung "Mammut, Mensch & Co - Steinzeit in der Eiszeit" zu sehen. Doppelt so viele Besucher wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres hat die Venus angezogen. Auf dem Rückweg nach Wien ist nun der Abstecher zu ihrem Fundort eingeplant. Dort ist zu diesem Anlass auch das kleine Museum "Venusium" renoviert worden. Freitag früh eröffnet Pröll das "uralte" Haus, wie Christian Satzl vom Willendorfer Museumsverein es beschreibt. Die Ausstellung in dem sanierten Gebäude wurde neu gestaltet. Insgesamt 200.000 Euro kostete der Umbau. Doch die üppige Original-Venus wird hier nach wie vor nur durch eine Doppelgängerin vertreten sein.

Sonderschau in Wien

Am Abend fliegt die betagte Dame nämlich schon nach Wien weiter. Dort erwartet Bürgermeister Michael Häupl (SP) sie gegen 19 Uhr. Ab 9. August ist sie Höhepunkt der Sonderausstellung "Venus von Willendorf - Rätsel der Steinzeitkunst" im NHM.

Die Willendorfer müssen dann wieder mit dem Abguss des Originals und käuflichen Repliken, Schokoladedamen oder Schlüsselanhängern vorliebnehmen. (Gudrun Springer, Klaus Taschwer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.8.2008)

 

Erotikum, Schamanenhilfe, Lernbehelf bei Schwangerschaften?
Der Wachauer Fund gibt noch immer mehr Rätsel auf, als er löst

Wien - Die Figur, die vor 100 Jahren gefunden wurde, ist elf Zentimeter groß, aus Kalkstein und rund 25.000 Jahre alt. Sie hat rote Farbe am Kopf, an einer Art geknüpfter Mütze, die auch eine Frisur sein könnte. Soviel Wissen über die in der Willendorfer Grabungsstätte gefundenen Frauenstatue ist gesichert, alles andere ist unklar.

Zum Beispiel, welchen Sinn die Figur gehabt hat. Ob sie rituellen Zwecken gedient hat und wenn ja, welchen, ist ebenso umstritten wie die Funktion der Farbe. Vermutlich war sie einmalig vollständig rot gefärbt, und zwar mit einer Art Erde, mit der Höhlenbewohner auch ihre Wände bemalt haben, und die später medizinische Dienste geleistet hat. Aber ob die Willendorferin deswegen in Schamanendiensten stand, ist wiederum fraglich - sie könnte genauso gut als erotisches Vorbild gedient haben.

Willendorf dürfte im übrigen nicht ihre Geburtsadresse gewesen sein, fand man doch in der Umgebung des Wachauer Ortes keine Spuren des seltenen Steins, aus dem sie gehauen wurde. Das wäre ein Indiz für die besondere Bedeutung der "Steinzeitschönen", wie sie die Frankfurter Allgemeine nannte, "mit dem gewiss verheerenden Body-Mass-Index".

Doch Bedeutung wofür? Wer stellte sie für wen her? Galten ihre Proportionen als Warnung vor Fehlernährung, als didaktische Erläuterung von Veränderungen bei der Schwangerschaft, als Zeichen für eine besondere Stellung in einem präsumptiven Matriarchat? Weiß man's?

Gewicht als Geheimnis

Bei allem Lokalpatriotismus übrigens: Der Fund ist zwar sehr gut erhalten, besonders alt und aus offensichtlichen Gründen besonders publikumswirksam (siehe links, oben und derzeit in jedem Medienkanal) - einmalig ist er nicht. Aus den Zeiten von vor 10.000 bis 18.000 Jahren sind unter unzähligen Statuetten auch viele von Frauengestalten gefunden worden. Sie sind zum Teil bereits sehr viel differenzierter, andere wiederum stilisiert und reduziert wie die Wachauerin. Die Forscher sind sich nicht einig, ob die Kontinuitäten oder die Unterschiede von größerer Bedeutung sind, was aber Unklarheiten auch nicht beseitigen würde.

Ebenso wenig würde das genaue Gewicht Entscheidendes zur Klärung des Fundes beitragen. Es wurde nur deswegen die längste Zeit geheim gehalten, damit Fälschungen leichter entlarvt werden konnten. Leider weiß man nicht einmal, ob es solche in größerem bzw. erfolgreichem Ausmaß gegeben hat.

Rundum, sozusagen, bleibt die Wahl-Wachauerin bei aller spektakulären Präsenz in einen Nebel an Spekulationen und Ungewissheiten eingetaucht. Nur eines war sie ganz gewiss nicht: eine römische Göttin, eine Venus. (mf)

 

 

  • Jeder will sie, am Freitag kommt sie wieder nach Wien: die Venus von Willendorf, das "paläolithische Busenwunder", das vor 100 Jahren in der Wachau gefunden wurde. Bevor sie ins Naturhistorische Museum zurückkehrt, macht sie Halt an ihrem Fundort.
    foto: fischer


    Jeder will sie, am Freitag kommt sie wieder nach Wien: die Venus von Willendorf, das "paläolithische Busenwunder", das vor 100 Jahren in der Wachau gefunden wurde. Bevor sie ins Naturhistorische Museum zurückkehrt, macht sie Halt an ihrem Fundort.

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