Alltag im Museum

7. August 2008, 17:00
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Florian Slotawa macht Kunst aus Mixern, Tellern, Büromaterial und allerlei Hausrat mehr - Mitunter muss sich der Künstler nach einer Ausstellung neu einrichten

Ingo Petz traf den Bildhauer in Berlin.

Wie wohnt wohl einer, der mit Tischen, Stühlen und Lampen Skulpturen baut? Einer, der seinen gesamten Besitz – vom Kinderspielzeug, Küchenmesser und Staubsauger bis hin zur Matratze und seinem alten VW Golf – in Museen ausgestellt hat? Einer, der es wie kein anderer in der Kunstwelt versteht, sein Hab und Gut künstlerisch aufzuladen und so die Frage nach Besitz, Identität und Subjektivität in unserer Zeit zu stellen? Wie wohnt so einer? In einer Lagerhalle vielleicht? Vollgepackt mit Gerümpel, Schrott, umgeben von unzähligen Skulpturen aus Alltagsgegenständen – verbarrikadiert von seinen Ideen? Oder in einem dieser edlen Design-Paläste, durchkonzipiert von der Fußleiste bis zur Steckdose, symmetrisch, geometrisch, kühl, ohne Raum für eigene Ecken und Kanten?

Berlin-Friedrichshain, Heimat der kreativen Nomaden und derjenigen, die es gerne wären, gibt die Antwort. Florian Slotawa, einer der begehrtesten und erfrischendsten Künstler der deutschen Hauptstadt, öffnet die Tür zu seiner Wohnung in einem der vielen Altbauten, die noch nicht auf Hochglanz à la Mitte getrimmt wurden. Der schmale, groß gewachsene Mann – kurze Haare, weiche, leise Stimme – bittet herein. Die Wände sind weiß und ungewöhnlich kahl für jemanden, der häufig an der Schnittstelle zwischen Kunst und Design arbeitet, der sich wie einst der große Marcel Duchamp in seinem Werk Gebrauchsgegenständen annimmt und sie neuen Kontexten zuführt. Die Zimmer sind Ikea-frei und bis auf einige zusammengewürfelte Möbelstücke, die von Flohmärkten oder Ebay zu stammen scheinen, sehr luftig, sogar bescheiden eingerichtet. Besonders aber erstaunt: Nichts scheint seltsam oder skurril, alle Möbel erfüllen ihren üblichen Zweck und sind nicht zu abstrakten Skulpturen aufgetürmt wie beispielsweise in der Düsseldorfer Galerie Sies + Höke.

Dorthin hatte Slotawa im Februar dieses Jahres aus Anlass eines Atelierwechsels die komplette Einrichtung seiner alten Berliner Werkstatt verfrachtet, um sie in Skulpturen mit den Räumlichkeiten der Galerie zu verweben. An der Decke in seinem Berliner Wohnzimmer dagegen baumelt nur eine einfache Glühbirne an einem Kabel – wie auf einer Baustelle. "Gerade eingezogen?" Slotawa schüttelt den Kopf, als er mit Kaffee und Kuchen kommt. "Nein, ich wohne schon seit vier Jahren hier. Ich mag es lieber reduziert. Das hat sich mit der Zeit so herauskristallisiert, wohl weil ich in meinem bisherigen Leben sehr häufig in leeren Räumen gelebt habe. Die Sachen wie dieser alte Holztisch hier, an dem mir die Funktionalität, Schlichtheit und die braune Farbe gefallen, sind in den letzten Jahren zusammengekommen. Da ich ja selbst so sehr mit Kunst beschäftigt bin, will ich Kunst und Bilder nicht ständig vor meinen Augen haben. Ich brauche die weißen Wände für meine eigenen Bilder im Kopf." Dass Slotawa, 36 Jahre, so wohnen kann, ist auch das Ergebnis seines bisherigen künstlerischen Weges.

Der begann für den in Rosenheim geborenen Bayern und Sohn eines Bankers und einer Betriebswirtin in Hamburg Mitte der 90er-Jahre. In der Stadt an der Elbe studierte er Bildhauerei. Slotawa fühlte sich nicht wohl im Norden, hing in der Luft, suchte einen Weg für sich als angehenden Künstler. "Das war eine schwierige Zeit", berichtet er. "Wenn dir keiner sagt, was du machen sollst, hast du das Gefühl, dass du einem besseren Hobby nachgehst. Ohne wirkliche Perspektive und Berufsaussichten. Ich wollte gern als Bildhauer arbeiten, aber was hätte ich da in der Kunst noch hinzufügen sollen?"

Er suchte nach einer Lösung für sein Problem – und fand es

Ein unprätentiöser, praktischer und prozessualer Ansatz, die Anbindung an den Alltag, wird von da an seine Kunst prägen. Er trug all seinen Besitz, der teilweise noch in Kisten bei seinen Eltern, Freunden und in ehemaligen WGs in verschiedenen Städten verstreut war, in einem Raum der Hamburger Hochschule für Bildende Künste unter dem Titel "Gesamtbesitz" zusammen – "um mir", wie er sagt, "klar zu werden, was da ist, was ich davon brauche und wie ich weitermache". Es begannen der vielleicht längste Umzug der Kunstgeschichte und die Geburt des Umzugs als künstlerische Spielwiese.

Slotawa ordnete seinen Besitz, dokumentierte, fotografierte ihn, sortierte Sachen aus und zog schließlich nach München. In seiner neuen Wohnung baute er aus Stühlen, Kühlschrank, kurzum aus den Sachen, die er mitgenommen hatte, einen Raum im Raum – eine Art Schutzmantel gegen die Stadt, gegen die Welt. Für die Arbeit "Heimatrelief" modellierte er aus seinem Besitz maßstabsgetreu die Voralpenlandschaft seiner Heimat. Zweiadrige Lautsprecherkabel markierten die Autobahnen der Region, weiße Bettwäsche die Alpen-Gletscher. Charakteristisch für Slotawas Arbeit ist, dass er seinen Besitz, nachdem er für eine gewisse Zeit Kunst sein durfte, wieder seinem eigentlichen Zweck zuführt. Bis ihm später der Sammler Axel Haubrok das Angebot machte, seinen kompletten Hausrat aufzukaufen, einschließlich des Golfs und des Schranks seiner Großmutter.

Es sei durchaus ein Schritt gewesen, seine Sachen herzugeben, an denen teils auch sentimentale Erinnerungen hingen, sagt er mit ruhiger Stimme, der man anmerkt, dass Slotawa daran gewöhnt ist, Dinge zu Ende zu denken. "Meine Arbeit hat auch keinen asketischen Hintergrund. Mich interessiert vor allem die Auseinandersetzung mit der Bildhauerei und was man ihr im 21. Jahrhundert noch hinzufügen kann. Dazu mache ich keine Skulpturen aus rohen Materialien, sondern aus Dingen, die schon vorhanden sind. Wichtig dabei ist, dass ich so etwas wie einen praktischen Nutzen oder Lösungen finde, die aus meinem Alltag stammen."

Wahrscheinlich ist dies sogar die schönste Botschaft...

... die Slotawas Kunst zu vermitteln scheint – pragmatische und dabei originelle Zugänge zu finden. Gerade das scheint in einer Welt, die immer unübersichtlicher und komplexer wird, laufend an Bedeutung zu gewinnen. Auch Slotawa selbst hat mit seiner Arbeit durchaus praktische Vorteile für sich gewonnen. Die Museen sind für seine Umzüge aufgekommen. Und mit dem Geld aus dem Verkauf seiner Sachen war er in der Lage, sich neue Dinge zuzulegen – "Dinge, die ich nun bewusster aussuche als früher, wo sich einfach auch viel Schrott angesammelt hat". Ein Designer sei er nicht, sagt er, weil er ja keine Dinge produziere, sondern über sie nachdenke. Aber als Bildhauer interessiere ihn die ästhetische Seite von Gegenständen – ihr Material, ihre Form und Farbe. Auch Gegenstände seien Skulpturen.

Für die Mannheimer Ausstellung "Gesamtbesitz" fotografierte er zum Beispiel sein Besteck, seine Kinderspielsachen, seine Kleidung ein letztes Mal, bevor sie 2002 endgültig und komplett den Besitzer wechselten. Slotawa, der mittlerweile an der Berliner Universität der Künste lehrt, blieben die sachlich strengen Fotos, die Bilder als Erinnerungsstücke. Die zeigte er 2004 für die Ausstellung "Bonn ordnen" im Kunstverein Bonn – allerdings nicht in den üblichen Ausstellungsräumen, sondern in den Büros der Mitarbeiter und der Verwaltung. Die Büroeinrichtung samt Regalen, Computern und Akten dagegen hatte er in die Ausstellungsräume verfrachtet, wo die Angestellten für die Zeit der Ausstellung ihrer Arbeit nachgingen. Auch daraus bezieht Slotawas Arbeit ihre Kraft – Räume in Museen, Galerien oder Hotels aus ihren gefestigten Zusammenhängen zu reißen, sie umzudeuten und ihre eigentliche Funktion zur Disposition zu stellen.

Auf einer Mission befinde er sich wahrlich nicht, sagt Slotawa. Es gehe nicht darum, die Konsum- und Überflussgesellschaft zu kritisieren. "Grundsätzlich will ich das Besondere und Unerwartete in vorhandenen Situationen und Räumen suchen." Außerdem sei Besitz ja auch etwas Schönes und Erstrebenswertes, zudem aber auch immer eben Ballast. Diese Spannung interessiere ihn. Ebenso wie die Spannung zwischen dem des Zuhause- und des Unterwegsseins. Das sind zweifelsohne aktuelle Themen, in die sich vieles andere hineinlesen lässt: Die Globalisierung. Die Entwurzelung. Das Immer-wieder-neue-Positionieren-der-eigenen-Person in einer Umgebung, die sich stetig und rasant verändert. Das Verschwimmen von Privatsphäre und Öffentlichkeit. Auch der Besitz als Ersatzreligion und religiöse Gefühle, die unsere Gesellschaft für Marken und Gegenstände entwickelt.

Im Jahr 2000 beispielsweise baute Slotawa nach dem Studium von Michelangelo und Giotto aus seinem Auto, Tischen, Stühlen, Regalen und anderem Hausrat ein "Jüngstes Gericht" – strikt nach den ikonografischen Strukturmustern und Symbolen, die sich im Lauf der Jahrhunderte in der Malerei entwickelt haben. Man könnte in dieser raumgreifenden Installation durchaus einen schalkhaften Anflug von Ironie erkennen, aber Slotawa will dies als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Ästhetik und der Kunstgeschichte verstanden wissen. Schließlich, so sagt er, bewundere und beneide er die Maler – "wie die mit Farben umgehen". (Der Standard/rondo/08/08/2008)

Die Einzelausstellung von Florian Slotawa im P.S.1/MoMA in New York eröffnet am 26. Oktober dieses Jahres.

Noch bis 17. August sind Arbeiten von ihm in der Ausstellung "Visite - Von Gerhard Richter bis Rebecca Horn" in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn zu sehen.

Bei seiner Ausstellung "Bonn ordnen" zeigte Florian Slotawa eine Serie von Schwarz-Weiß-Fotografien im Verwaltungstrakt des Bonner Kunstvereins. Die gesamte Einrichtung der Büroräume ließ er hingegen in die große Ausstellungshalle verfrachten, wo die Mitarbeiter für die Zeit der Schau ihrer Arbeit nachgingen.

  • Florian Slotawa
    Porträt: Udo Titz

    Florian Slotawa

  • 2004, Installationsansicht Bonner Kunstverein, Courtesy  Sies + Höke, Düsseldorf,VG Bild-Kunst, Bonn.
    Florian Slotawa, "Bonn ordnen"

    2004, Installationsansicht Bonner Kunstverein, Courtesy  Sies + Höke, Düsseldorf,VG Bild-Kunst, Bonn.

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