Lufthansa will reden, Politik rudert zurück

7. August 2008, 17:53
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Lufthansa ist an einem "intensiven Dialog" über einen Einstieg interessiert, die Belegschaft fürchtet die Deutschen, Minister Faymann rechnet damit, dass die ÖIAG an Bord bleibt

Wien - Die Lufthansa hat ihr grundsätzliches Interesse an der AUA erneut bestätigt. Der Personalchef der Fluglinie, Stefan Lauer, drückte das am Mittwochabend so aus: "Wir begrüßen die Entscheidung, die die ÖIAG bei der AUA getroffen hat. Wenn die österreichische Regierung auf uns zukommt, sind wir natürlich an einem intensiven Dialog interessiert." Die Airline werde auch bei künftigen Übernahmen, wie im Fall Swiss, die Marken erhalten, "die Rezeptur heißt bei uns integrierte Eigenständigkeit" .
Einkaufsgeld hat die Lufthansa. Sie wird zwar von internen Turbulenzen geschüttelt (siehe Geschichte rechts), erwartet aber für heuer einen Gewinn von 1,4 Mrd. Euro.

Lufthansa-Variante gefällt

Die Lufthansa-Variante gefiele auch den Österreichern, jedenfalls jenen 502 Personen, die per "Infoscreen-Monitor" (Kooperation zwischen dem Marktforschungsinstitut OGM und Wiener Infoscreen-City-Channel) zu Privatisierung und AUA-Lieblingspartner befragt wurden. Vor die Wahl zwischen Lufthansa, Air China oder "eine andere Airline" gestellt, stimmten 69 Prozent für die Deutschen und nur vier Prozent für die Chinesen. Mehr als die Hälfte rechnet nach der Privatisierung mit Mitarbeiterabbau und Schwächung des Flughafen Wien.
Genau diese Gefahren sieht auch der AUA-Betriebsrat - vor allem imFall einer Übernahme durch die Lufthansa. Wie berichtet, plädiert Betriebsrat Alfred Junghans dafür, auch die Air-China-Variante genau zu prüfen. Man wolle einen Partner, der zusätzliche Strecken bringt. Hintergrund: Die Belegschaftsvertreter fürchten, dass die benachbarte Lufthansa bei einem Einstieg das AUA-Streckennetz kräftig ausholzen würde, das "Drehkreuz Wien" zugunsten vonFrankfurt und München schwächen und den Einsparungen oberste Priorität einräumen würde.
Die staatliche Air China dagegen würde sich mit einem Minderheitsanteil begnügen und sieht in Österreich eine der letzten Chancen, in Europa einzusteigen und ihr Streckennetz in der Region über den Hub Wien auszubauen. Dem Vernehmen nach überlegt die Airline ab Oktober 2009 Direktflüge Peking-Wien - und eine etwaige Restbeteiligung der ÖIAG soll die Chinesen, die bereits in Wien vorstellig geworden sind, nicht weiter stören.

In Sachen Sperrminorität

Damit, dass der Staat Österreich via ÖIAG weiter an der AUA beteiligt bleibt, weil sich niemand für die von der Politik verordnete patriotische Sperrminorität erwärmen mag, rechnet inzwischen auch schon deren Erfinder, Infrastrukturminister Werner Faymann. Am Donnerstag hat auch Raiffeisen-Banker Herbert Stepic eine Aufstockung der RZB-Anteile an der AUA ausgeschlossen. Die Kernaktionärslösung sei "ein klassischer politischer Kompromiss, der praktisch nicht machbar ist" .

In einem Interview mit Format richtet Faymann der ÖIAG nun aus, sie müsse "ernsthaft damit rechnen, weiterhin an der AUA beteiligt zu bleiben" . Und: Eine österreichische Lösung könne "nicht auf 200 Jahre garantiert sein" . In der AUA selbst ist man schon einen Schritt weiter. Dort rechnet das Management dem Vernehmen nach längst mit Übernahmeangebot und Mehrheitsübernahme. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.8.2008)

 

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