Tatmotiv ist fast immer "haben wollen"

6. August 2008, 19:59
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Wirkliche Jugend-Banden gibt es in Wien nicht - "Sie treffen sich im Park. Ihnen gehen die Zigaretten aus, und sie kommen auf die Idee, in den Kiosk einzubrechen"

Jugend und Kriminalität wird gerne mit jungen Fremden gleichgesetzt. Doch die Gruppen der in Österreich lebenden Täter sind durchmischt, beobachtet die Kriminalpolizei. Banden sind aber selten - Von Michael Möseneder

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Wien - Die LP-Bande ist derzeit das warnende Beispiel für die grassierende Jugendkriminalität. LP steht für Lenaupark, eine Grünanlage in Linz, wo sich dutzende Kinder und Jugendliche herumtrieben, denen die Polizei über 700 Straftaten vorgeworfen hat. In Wien sind es die Vorstellungen von Handyräubern die in Teilen der Bevölkerung Ängste wecken.

"Böse Buben"

"Böse Buben" steht auf der Aktenmappe im Büro von Karin Staringer in der Wiener Kriminaldirektion 1. Zwölf Beamte arbeiten in der Zentrale in der "Jugendkriminalitätsgruppe". Die Zuständigkeit reicht vom Kind bis zum Twen. Denn "Jugend" ist hier ein breiter Begriff - von strafunmündigen Kindern bis zum 21-Jährigen, der noch unter das Jugendstrafrecht fällt. Wer aus dieser Gruppe einbricht oder Sachbeschädigung begeht, landet in Staringers Mappe.

Mit einem Vorurteil will die Beamtin sofort aufräumen: Die wirklichen Banden im strafrechtlichen Sinn, die sich zusammenrotten, um Straftaten zu begehen, gibt es in Wien derzeit nicht. Nicht mehr. Anfang der 90er-Jahre waren sie im türkischen Bereich ein Problem, derzeit sind es allenfalls kleine Gruppen, die der Exekutive Arbeit verschaffen. "Die treffen sich zum Beispiel im Park, dann gehen ihnen die Zigaretten aus, und sie kommen auf die Idee, in den nahen Kiosk einzubrechen."

"Haben wollen"

Im Gegensatz zu jungen Einbrechern, die aus dem Ausland nach Österreich kommen, um Delikte zu begehen, sind die hier lebenden Täter nur an Zusatzeinkommen interessiert. "Das Motiv ist fast immer "haben wollen". Mit dem Erlös wird fortgegangen, Beschaffungskriminalität für Drogen spielt keine Rolle", erzählt Staringer. Zehn bis 15 Euro bringt ein Handy, nicht viel für die Gefahr einer Vorstrafe. Die viele nicht sehen, wie die Kriminalistin weiß. "Es fehlt teilweise völlig das Unrechtsbewusstsein, aber auch das Wissen um die Gesetzeslage", konstatiert sie.

Gruppen sind oft durchmischt

Kleinere Einbruchsdiebstähle, Handyraub, Ladendiebstahl und Sachbeschädigung: Das sind die klassischen Delikte in der Kerngruppe der 14- bis 18-Jährigen. Eine strenge ethnische Trennung beobachtet Staringer dabei nicht. "Die Gruppen sind oft durchmischt: Türken, Serben zweiter Generation, Österreicher." Auch die kulturellen Unterschiede bei den überwiegend männlichen Tätern verschwimmen rasch. "Etwa das Macho- und Imponiergehabe. Das ist ursprünglich von den Türken gekommen, aber die Österreicher haben das ganz schnell nachgemacht."

Dass dennoch dreimal mehr junge Ausländer verurteilt werden, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht, ist auch ein statistisches Problem: Wie viele der Fremden hier leben und wie viele "Touristen" sind, wird nicht ausgewiesen.(DER STANDARD Printausgabe 7.8.2008)

 

 

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    Der unfreiwillige Eigentümerwechsel von Handys ist kein Einzelfall mehr. Bei jungen in- und ausländischen Tätern fehlt oft das Unrechtsbewusstsein dafür

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