Triumph des Willens - made in China

6. August 2008, 18:31
32 Postings

Der Architekt Alfred Speer Jr. hat am Masterplan für die Olympischen Spiele mitgewirkt - Ein Zeichen dafür, dass man Anschluss an eine totalitäre Ästhetik der Überwältigung sucht? - ein Kommentar der anderen von Nina Chruschtschowa

Wenn die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Peking am Freitag beginnt, wird den Zusehern ein minutiös durchchoreografiertes Spektakel vorgeführt, das im nationalen Kitsch badet. Natürlich sind Bilder, die an die zackigen Aufmärsche von Hitlers Sturmtruppen erinnern, das Letzte, was die chinesische Führung im Sinn hatte. Der offizielle chinesische Nationalismus spricht schließlich vom "friedlichen Aufstieg" des Landes inmitten einem Idyll von "harmonischer Entwicklung". Aber sowohl aus einem ästhetischen Standpunkt wie auch vom politischen sind die Parallelen alles andere als weit hergeholt.

Indem man Albert Speer Jr., den Sohn von Hitlers Lieblingsarchitekten und Gestalter der Olympischen Spiele in Berlin 1936, erwählte, um den Masterplan für die Spiele in Peking zu entwerfen, brachte die chinesische Regierung selbst die radikale Politisierung der Ästhetik ins Spiel, die ein Markenzeichen des Totalitarismus des 20. Jahrhunderts war. Wie auch die Regime dieser Zeit, ob jetzt faschistisch oder kommunistisch, versuchen Chinas Führer den öffentlichen Raum und Sportereignisse zu einem sichtbaren Beweis ihrer Fitness und der Legitimation ihrer Herrschaft umzumodeln.

Die Aufgabe von Speer Jr. war, einen Masterplan für den Zugang zum Olympischen Komplex in Peking zu erstellen. Sein Entwurf konzentrierte sich auf die Errichtung einer imposanten Prachtstraße, um die Verbotene Stadt mit dem Nationalstadium zu verbinden, in dem die Eröffnungszeremonie stattfinden wird. Der Plan seines Vaters für "Germania", so der Name, den Hitler für sein Berlin ausgewählt hatte, beruhte ebenfalls auf derartigen mächtigen Zentralachsen.

Chinas Führer sehen die Olympischen Spiele als Bühne, um der Welt die außergewöhnliche Vitalität des Landes zu demonstrieren, das sie in den vergangenen drei Dekaden aufgebaut haben. Und diese Demonstration dient einem noch viel wichtigeren innenpolitischen Ziel: der Legitimierung der Herrschaft eines Regimes vor den Augen der Bürger. Unter diesen Voraussetzungen war eine Architektursprache des Bombasts geradezu unausweichlich.

Es ist also keine Überraschung, dass die Spiele in Peking ein bisschen an jene anmaßenden Spiele erinnern, die 1936 den Führer entzückten und die deutschen Massen betörten. Wie die Peking-Spiele waren seinerzeit auch die Olympischen Spiele in Berlin als Coming-Out-Party gedacht. Josef Goebbels Nazi-Propaganda-Maschine lief auf Hochtouren. Athletische Metaphorik - mit brillantem Effekt umgesetzt in Leni Riefenstahls Dokumentarfilm - schien eine Verbindung zwischen den Nazis und den alten Griechen zu schaffen und den alten Nazi-Mythos zu bestätigen, dass die Deutschen und die deutsche Kultur die wahren Erben der arischen Kultur der klassischen Antike seien.

Globale Metropolis

Währen er den Masterplan für die Peking-Spiele entwarf, versuchte Speer Jr, ein gefeierter Architekt und Städteplaner, auch eine futuristische globale Metropolis zu schaffen. Natürlich unterschied sich die Sprache, die er benutzte, um seine Vorstellungen an die Chinesen zu verkaufen, sehr von den Worten, die sein Vater fand, als er seine Pläne Hitler unterbreitete. Statt des Prunks seines Entwurfes betonte der junge Speer dessen Umweltfreundlichkeit. Die 200 Jahre alte Stadt Peking sollte in die Hypermodernität transferiert werden, während das Berlin seines Vaters, in seinen Worten, "schlicht größenwahnsinnig" war.

Natürlich dürfen die Sünden der Väter niemals auf die Söhne übertragen werden. Aber in diesem Fall, wenn der Sohn grundlegende Elemente der Architekturprinzipien seines Vaters entlehnt und dabei ein Regime bedient, das die Spiele aus denselben Gründen benutzt, die auch Hitler beflügelten, ist er dann bereit, über diese Sünden nachzudenken? Totalitäre Regime - die Nazis, die Sowjetunion 1980 und heute die Chinesen - wollen Olympische Spiele veranstalten, um auf diesem Weg der Welt ihre Souveränität zu signalisieren. China glaubt, sein eigenes Modell der Modernisierung gefunden zu haben, und seine politischen Führer sehen die Spiele auf dieselbe Art wie die Nazis und Breschnew - als Mittel, um ihr Modell global zu verkaufen.

Der Name Speer war den Offiziellen, die ihn auswählten, offensichtlich egal. Sie versuchten, Olympische Spiele zu veranstalten, die ihr Bild von sich greifbar machen. Die Umsetzung der olympischen Visionen von Speer Sohn und die seiner Auftraggeber bedeutet das Ende eines willkommenen Zwischenspiels. Nach dem Ende des Kalten Krieges war Politik jahrelang von den Spielen ausgeschlossen. Eine Goldmedaille spiegelte die sportlichen Fähigkeiten und nicht die scheinbaren Verdienste des politischen Systems, aus dem der hervorgegangen ist.

Aber heute sind wir zurückgekehrt zu einer Ästhetik der politischen Hypnose, dargestellt in der Erklärung der Gastregierung, das China mehr Goldmedaillen gewinnen möge als irgendein Land je zuvor. Wenn die Stafette der Olympischen Fackel - die übrigens eine Kreation der Nazis war - ihren Weg über Speers Prachtstraße der Macht findet, wird die Welt einmal mehr einen Triumph des totalitären Willens miterleben können. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.8.2008)

 

Nina Chruschtschowa, Enkelin von Nikita Chruschtschow, lehrt International Affairs in New York. <br>© Project Syndicate, 2008<br> Übersetzung: Luzia Schrampf

Share if you care.