Schergen der Roten Khmer vor Gericht

12. August 2008, 13:21
20 Postings

Drei Jahrzehnte nach ihren Verbrechen müssen sich die Handlanger des Pol Pot verantworten

Nach jahrelangem Tauziehen um das Tribunal über die Roten Khmer beginnen nun die Prozesse. Drei Jahrzehnte nach den Verbrechen müssen sich die Handlanger des Pol Pot in Kambodscha verantworten.

***

Kamerad Duch wird als Erster vor Gericht erscheinen müssen. Der als "Schlächter von Tuol Sleng" bezeichnete Mann war ein führendes Mitglied der Roten Khmer in Kambodscha.Das Verfahren soll nach Angaben des Gerichts Ende September beginnen. Der Vorwurf gegen Duch lautet auf Beteiligung am Genozid, Mord und Folter.

Neben Kamerad Duch, dessen richtiger Name Kang Kek Leu ist, werden vier weitere - heute hochbetagte - Mitglieder der ersten Führungsgarde der Roten Khmer angeklagt: Nuon Chea ("Bruder Nummer zwei" und damit Stellvertreter von Pol Pot), Ieng Sary und seine Frau Thirith, die die Schwägerin von Pol Pot war, sowie der ehemalige Vorsitzende des Staatspräsidiums, Khieu Samphan.

Regime von 1975 bis 1979

Von 1975 bis 1979 haben die ultramaoistischen Roten Khmer in dem Wahn, den klassenlosen Agrarstaat zu errichten, ihr Land sprichwörtlich blutrot gefärbt. "Tuol Sleng" steht stellvertretend für eines der 189 Gefängnisse, in denen die Schergen Pol Pots Tausende gefoltert und ermordet haben. Nur 14 Personen haben Tuol Sleng überlebt. Fünf davon leben heute noch.

Wie viele Menschen starben, ist bis heute unklar. Die jüngste - und noch unveröffentlichte - Dissertation der Belgierin Mary-Odile Lognard grenzt die Opfer auf 1,8 bis zwei Millionen Menschen ein. Die Zahlen erschüttern schon deshalb, weil in den 1970er-Jahren in Kambodscha knapp acht Millionen Menschen gelebt haben. Youk Chhang, Leiter des Dokumentationszentrums von Kambodscha (DCCAM), erwartet "nicht Gerechtigkeit für die Opfer, aber für unsere Zukunft" . Das Dokumentationszentrum speist die Beweisführung der Anklage (siehe Interview).

Der Prozess in Phnom Penh ist das Ergebnis jahrelanger Verhandlungen zwischen Premierminister Hun Sen und der UNO. Ab Juli 2006 begannen Vorerhebungen - unter einem komplizierten Konstrukt: Das Gericht wurde als außerordentliche Kammer des kambodschanischen Gerichts konzipiert, zur Anwendung kommt heimisches und internationales Recht. Da an dem Gericht ein Team aus kambodschanischen und internationalen Staatsanwälten und Richtern arbeitet, darunter die österreichische Richterin Claudia Fenz, gibt es zusätzlich ein internes Regelwerk, wie sie miteinander kooperieren sollen.

Verfahren bis 2011

Vergleichbare internationale Tribunale sind jene zu den Genoziden in Ruanda und Bosnien. Dass die Arbeit am Gericht länger dauern wird als die veranschlagten drei Jahre, zeigt schon ein Blick auf das Budget: 36,3 Mio. Euro hatten Kambodscha und andere Geberländer wie die USA, Deutschland und Japan ursprünglich aufgebracht. Doch der Finanz- und Zeitplan sei schlampig ausgearbeitet gewesen, wird hinter vorgehaltener Hand erzählt. Der eigentliche Geldbedarf liege bei 110 Mio. Euro, um bis mindestens 2011 arbeiten zu können.

Die Mitarbeiterin einer amerikanischen NGO, die seit Jahren den Aufbau des Gerichts begleitet und anonym bleiben will, bedauert, dass der Gerichtshof immer dann in die Medien kommt, wenn es um Korruption geht. "Es ist verständlich, dass die Geberländer wissen wollen, was mit ihrem Geld geschieht" , sagt sie, "aber man soll nicht so tun, als ob man es nicht vorher gewusst hätte." Japan kündigte erst letzte Woche an, dass ein Team zur Überwachung der Geldflüsse entsandt werde.

Auch in Kambodscha wird das Warten lange. Gerichtssprecher Sambath fährt regelmäßig in die Dörfer. "Viele fragen, warum es mit dem Prozess so lange dauert" , erzählt Sambath. Da müsse man die Funktion des besonderen Gerichts erst einmal klarmachen. Den noch lebenden Opfern wird auch geholfen, sich als Zivilbeteiligte am Prozess registrieren zu lassen. Finanzielle Kompensation gibt es keine. (Andrea Waldbrunner aus Phnom Penh/DER STANDARD, Printausgabe, 7.8.2008)

 

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Eine Landkarte von Kambodscha aus Schädeln und Knochen von Opfern des maoistischen Regimes der Roten Khmer in dem ehemaligen berüchtigten Gefängnis und Folterlager Tuol Sleng.

  • Infografik: Die Chronik des Kambodscha-Konflikts (1.000 Pixel breit, 69 KB)

    Infografik: Die Chronik des Kambodscha-Konflikts (1.000 Pixel breit, 69 KB)

Share if you care.