Olympia-Vorteil für Gastgeber

6. August 2008, 16:35
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Siebzig Prozent aller Asiaten besitzen ein genetisches Profil, mit dem sie unerkannt durch Dopingkontrollen schlüpfen - Eine faire Lösung scheint nicht finanzierbar

"Das Problem kennt man seit Jahren, allerdings wurde jetzt das verantwortliche Gen gefunden", erzählt Günter Gmeiner, Leiter des Doping-Kontroll-Labors in Seibersdorf und wirkt angesichts dieser Tatsache nicht überrascht über die Ergebnisse einer Studie, die jüngst in der Fachzeitschrift "Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism", vorgestellt wurden. Wissenschafter des Karolinska-Universitätsspitals in Stockholm erbrachten darin den Beweis: Die Mehrzahl aller Asiaten besitzt eine Genvariante, die Doping mit Testosteron erlaubt, ohne bei üblichen Kontrollen aufzufallen.

Fehlendes Enzym als Vorteil bei Kontrollen

Konkret fehlt 70 Prozent der männlichen asiatischen Bevölkerung das Enzym UGT2B17, verantwortlich für den Abbau von Testosteron im menschlichen Organismus. Das Abbauprodukt Epitestosteron, das für Dopingkontrollen im Urin herangezogen wird, taucht bei Asiaten also gar nicht erst auf. Ein Vorteil für asiatische Spitzensportler, die ein Schlupfloch für den Missbrauch illegaler Substanzen nicht länger zu suchen brauchen. Mit synthetischem Testosteron sind sie unerkannt in der Lage ihre Leistung erheblich zu steigern. Vermehrter Muskelaufbau, verbesserte Blutbildung und beschleunigte Regeneration - jedem Sportler sind die Wirkungen des anabolen Steroids hinlänglich bekannt.

Mehr Spielraum für künstliches Testosteron

"Ich weiß nicht ob hinter der Probe ein Mitteleuropäer oder ein Asiate steckt", erklärt Gmeiner und verdeutlicht die Problematik. Der Chemiker hantiert in der Regel mit anonymisiertem Probenmaterial. Außer Geschlecht und einem Code sind ihm von den einzelnen Athleten keine Daten bekannt. Mit einem standardisierten Test, der das Verhältnis Testosteron zu Epitestosteron ermittelt, versucht man derzeit gedopten Athleten auf die Spur zu kommen. Laut Gmeiner wird bei einem Verhältnis von vier derzeit Verdacht geschöpft. Das asiatische Profil liegt im Normalfall bei 0,1. Der Mitteleuropäer liegt mit 1,0 deutlich höher. Die Konsequenzen sind klar: Der Asiate kann seinem Körper um ein vielfaches mehr künstliches Testosteron zuführen um Werte von über vier zu erreichen.

Eine andere Kontrollgruppe der oben erwähnten Studie zeigte den gegenteiligen Effekt. Ihre genetische Veranlagung führte zu einem gesteigerten Abbau von Testosteron. Bereits ungedopt lagen ihre Werte weit über der Norm.

Profil: unauffällig

"Im normalen Screening fällt ein gedopter Asiate so gut wie nie auf", weiß Gmeiner und vergisst nicht zu erwähnen dass der Weisheit letzter Schluss damit noch nicht gefallen sein muss. Es gibt einen Test, allerdings soll er nur Aufschluss geben, wenn schon ein Verdacht besteht. Der Isotopen-Massenspektrometer erlaubt die Unterscheidung in synthetisches oder natürliches Testosteron. Ein aufwändiges Verfahren, das eigentlich viel mehr Sinn machen würde, wenn es auch bei unauffälligen Proben Anwendung fände. Ob das in Peking der Fall sein wird, weiß Gmeiner nicht. Zweifel hegt er jedoch, denn der Test ist teuer und wurde für breit angelegte Untersuchungen deshalb bis dato nicht eingesetzt.

Was Peking anbelangt ist Gmeiner trotzdem optimistisch und überzeugt, dass das Dopingkontrollnetz dort eng geknüpft ist. Seibersdorf selbst wird in Peking vor Ort sein und vier Wochen Lang für die EPO (Erythropoetin)-Analytik verantwortlich sein.

Mögliche Lösung: biologischer Pass

Eine mögliche Antwort, die abseits von China, vielleicht doch noch zu einer dauerhaften Lösung führt, ist der biologische Pass, dessen Einführung der internationale Radsportverband UCI (Union Cylciste Internationale) im Herbst 2007 vorgeschlagen hat. Individuelle biologische Parameter werden darauf elektronisch gespeichert. Blut- und Urinwerte können so über weite Strecken analysiert und miteinander verglichen werden. Plötzliche Abweichungen bei Routinekontrollen fallen sofort auf. Es ist zu hoffen, dass dieser Pass für Athleten in den nächsten Jahren nicht nur im Radsport Einzug hält. (phr, derStandard.at, 7.8.2008)

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    Ein fehlendes Enzym bei Asiaten könnte bei den Olympischen Spielen als Schlupfloch bei Dopingkontrollen dienen

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