Welcher Tanz ist wirklich Tanz?

6. August 2008, 16:24
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Mit Anthropologie gegen das Schachteldenken

Zur Klassifizierung von Tanz wird eine Vielzahl von Begriffen herangezogen: Performance, Choreografie, Tanztheater, Ballett, Gegenwartstanz Volkstanz und Gesellschaftstanz. Zudem gibt es Hierarchien: Balletttänzer verachten ihre schwer verständlichen zeitgenössischen Kollegen, diese wiederum können mit regional geprägter Folklore nichts anfangen.

Derlei Schubladendenken trägt kaum dazu bei, das Verständnis für den Tanz zu vergrößern. Schon 1969 schlug daher die amerikanische Anthropologin Joann Kealiinohomoku vor, das klassische Ballett als ethnische Tanzform zu betrachten. Ihre Kritik galt dem Eurozentrismus der Tanzwissenschaft. Obwohl in Körpern, Kulturen und im Denken Unterschiede existieren, können Tanzaufführungen aller Kategorien nach gemeinsamen Kriterien betrachtet werden.

Das Bogaziçi Performing Arts Ensemble (Istanbul) etwa hat sich der Verknüpfung von traditionellem Tanz und zeitgenössischen Aufführungstechniken verschrieben. Es trägt viel zur Entwicklung einer Alternative zu nationalistischen, kommerziellen und touristischen Formen bei, wie sie so gerne von der offiziellen Kulturpolitik in der Türkei unterstützt werden. Das Ergebnis sind Tanzstücke mit komplexer Struktur, die soziale, kulturelle und traditionelle Aspekte beinhalten und gleichzeitig als zeitgenössische Performance gesehen werden können, die auf dramaturgischer Recherche beruht.

Klassifizierungen erfolgen immer mehr oder weniger zufällig. Sie können daher schlecht als kritisches Instrument taugen. Denn so wie alle Tanzgenres spezifische historische und kulturelle Ursprünge haben, sind auch die Übergänge zwischen ihnen stets fließend. Daher muss Tanzkritik nicht bei den Genres, sondern bei den dramaturgischen, künstlerischen und choreografischen Strategien ansetzen.
(Berna Kurt / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.8.2008)

 

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