Europa redet, und Afrika entdeckt das Solo

6. August 2008, 16:18
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Tanz zwischen Wien und Tunis: Ein Vergleich

Ein besonderes Interesse europäischer Programmgestalter im Tanz gilt der Soloarbeit. In Afrika findet diese Form der Selbstbekundung erst allmählich Anerkennung. Davon zeugte die heuer erstmals eingeführte Kategorie Solotanz Anfang Mai bei der afrikanischen Tanzplattform in Tunis.

Der Vergleich zwischen Positionen aus Tunis und aus Wien bestätigt diesen Eindruck. Während etwa der senegalesische Tänzer Pape Ibrahim Ndiaye alias Kaolack in Tunis den ersten Preis für sein Solo j'accuse erhielt, in dem er Fragen des Rassismus behandelte, präsentierte in Wien Ibrahim Quraishi mit Islamic Violins eine Studie über den Terrorismus.

Explosive Geigen und Körper

Zwei ganz entgegengesetzte Ausdrucksweisen - und doch dasselbe Engagement. Die kalkulierten Explosionen von 22 Geigen findet man in übertragener Form auch bei Kaolack. Er erleidet diese Ausbrüche am eigenen Körper, thematisiert den Rassismus der Maghrebiner gegenüber den Schwarzafrikanern, die Diskriminierung durch den Westen und die Passivität vieler Afrikaner gegenüber allen Missständen. Die Detonationen erfolgen bei ihm nach dem Bild der politischen Zerrüttungen in afrikanischen Gesellschaften.

In Europa herrscht eine Logik des Diskurses und eine Rhetorik vor, die das Publikum mit technischen Kunstgriffen fesselt. In Afrika dagegen werden Empfindungen, Wahrnehmungen und Meinungen über den körperlichen Tanz ausgedrückt. Im europäischen Kontext gehorcht der Tanz einer Kohärenz von Ideen und Vorstellungen, die mit theatralem Aufwand offengelegt werden.

In Afrika, so zeigte in Tunis auch der prämierte Beitrag Karohano aus Johannesburg mit seinem koketten Striptease als Schlussbild, stehen der Körper und sein Aussagewert gleichsam unverstellt da. (Domoina Ratsarahaingotiana / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.8.2008)

 

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