Kunst ist keine Dienstleistung: "Les Assistantes"

6. August 2008, 16:13
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Das Tanzstück von Jennifer Lacey ist eine sogenannte "bad performance", die sich der neoliberalen Sucht nach erbauender Serviceleistung widersetzt

Wann dienen Künstler zur Zufriedenheit und wann nicht?

Wien - Auf den ersten Blick erscheint alles sehr amateurhaft. Sieben junge Frauen in pastellfarbigen Dienstmädchenkleidern mokieren sich darüber, wenn eine von ihnen ein tollpatschiges Solo tanzt. Ihre Kommentare über den Tanz und die Welt des Tanzes sind offenkundig naiv. Und wenn sie anfangen, mit Spielzeuginstrumenten zu musizieren, schaffen sie es nicht, sie richtig zu stimmen.

Wie kommt ein solches Stück in das Programm des größten europäischen Festivals für Gegenwartstanz? Klarerweise bedeutet "bad performance" nicht immer "bad art" . Les Assistantes von Jennifer Lacey ist keine Amateuraufführung, aber sie soll wie eine ausschauen. Es macht einen großen Unterschied, wenn "Schlechtheit" eine künstlerische Wahl ist.

Das "Schlechte" als Kritik

Die gegenwärtige Ausstellung Bad Painting - Good Art im Mumok ist ebenso relevant. Offenkundig "schlechte" Maler wie Asger Jorn oder Jörg Immendorff verwendeten das "Schlechte" als kritische Strategie. Etablierte Normen der bildenden Kunst wurden durch abweichende Stile infrage gestellt. Oft richtete sich ihre Kritik auch gegen Wirtschaftsdenken. Als Gemälde zu Postkarten wurden, wurde Kunst zum Gebrauchsartikel. "Schlechte" Maler glaubten, dass das Schlechte die wirtschaftliche Nutzbarkeit ihrer Kunst hemme.

Im Gegensatz zur bildenden Kunst scheint darstellende Kunst der Vermarktung zu widerstehen. Der kurzlebige Charakter einer Theater- oder Tanzaufführung verhindert die Umwandlung in ein Produkt. Die Performancetheoretikerin Peggy Phelan behauptete, dass es das Wesen der Performance sei, den Objektcharakter zu verweigern. Doch die darstellende Kunst hat aufgehört, kritische Spielwiese zu sein. Wie Dienstleistungen die Industrieproduktion als Fokus der neoliberalen Wirtschaft ersetzen, wurde die immaterielle "Performance" zum Produkt.

Les Assistantes zeigen gerade das. Die Dienstmädchen beziehen sich direkt auf das Gebiet der modernen Dienstleistungen. Indem sie den Zuschauern mit voller Absicht keinen wirklichen Dienst leisten und stattdessen ihre Aufmerksamkeit nur sich selbst zukommen lassen, liefern sie Dienstleistungen als "bad performance" . Damit schließen sie die Bewertungen von Performance als Widerstand und als Dienstleistung miteinander kurz. Daher ist Les Assistantes eigentlich "good performance" .
(Ana Vilencia, Sébastien Hendrickx / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.8.2008)

  • Die Forderung nach einer besseren Gesellschaftsordnung in Jennifer Laceys "Les Assistantes"  kommt mit einer Verweigerung gegenüber dem Verständnis von Kunst als Serviceeinrichtung daher.
    foto: lacey

    Die Forderung nach einer besseren Gesellschaftsordnung in Jennifer Laceys "Les Assistantes"  kommt mit einer Verweigerung gegenüber dem Verständnis von Kunst als Serviceeinrichtung daher.

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