Bauernführer: "Die Paraguayer wachen auf"

6. August 2008, 14:22
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Aktivisten setzen große Hoffnungen auf den neuen Präsidenten Fernando Lugo - 50.000 Landlose belagern Haciendas

Capiibary - Vor dem Maschendrahtzaun einer riesigen Hacienda campieren seit Wochen Dutzende Bauern unter Abdeckplanen und Behelfsverschlägen. Sie sind bettelarm und fordern einen Anteil an der 40.000 Hektar großen Soja-Farm im paraguayischen Capiibary - ein durchschnittlicher europäischer Hof hat etwa 40 Hektar. Der Gutsbesitzer, José Raimundo Bogarin, ist ein reicher Mann. Er gehört zu dem einen Prozent der Bevölkerung des südamerikanischen Landes, das 77 Prozent der landwirtschaftlichen Anbaufläche besitzt.

Das ist die größte Herausforderung für den ehemaligen "Bischof der Armen" und neuen Präsidenten Fernando Lugo, der am kommenden Donnerstag sein Amt antritt. "Die Paraguayer wachen auf", sagt der 29-jährige Bauernführer Salomon Ruiz Diaz. Sie zählten auf Lugo, um endlich ein Stück Land zu bekommen und sich so aus der Armut befreien zu können. "Wir haben seine Reden gehört, aber jetzt warten wir auf Ergebnisse", sagt Ruiz Diaz. Nur ein Fünftel seiner Hacienda soll der Großgrundbesitzer aufgeben und es auf zahlreiche Bauern verteilen.

Colorado-Partei herrschte 61 Jahre

Lugo ist es gelungen, bei der Wahl im April nach 61 Jahren die Herrschaft der konservativen Colorado-Partei zu durchbrechen. Doch nach dem historischen Machtwechsel fordern seine Wähler eine rasche Umsetzung einer Landreform. Im nach Bolivien zweitärmsten Land Südamerikas ist die Landwirtschaft immer noch der entscheidende Wirtschaftszweig - und sei es, um mit Subsistenzwirtschaft das nackte Überleben sichern zu können. 42 Prozent der rund sieben Millionen Einwohner leben unter der Armutsgrenze.

Nach seiner Amtseinführung am 15. August muss Lugo dem Land eine Richtung geben: Entweder er folgt dem Linksruck auf dem Kontinent und damit dem Kurs des Venezolaners Hugo Chávez oder dem des bolivianischen Nachbarn Evo Morales, oder er wählt einen eigenen und pragmatischeren Kurs.

Umstrittene Landtitel

Und dafür spricht vieles. Der ehemalige Bischof war immer eher ein Mann des Ausgleichs, und die Agrarbetriebe der Großgrundbesitzer sind das wirtschaftliche Rückgrat des Landes. Darüber hinaus ist der gesamte Justiz- und Verwaltungsapparat nach über sechs Jahrzehnten Colorado-Regierungen, darunter auch 35 Jahre Militärdiktatur, stramm konservativ, was die Macht des Präsidenten faktisch begrenzt. Und nicht zuletzt ist oft unklar, wem die Ländereien rechtmäßig zustehen.

Die Hacienda, vor der die Bauern ihr Protestlager aufgeschlagen haben, gehört Bogarin, der als Sammler von Oldtimern bekannt ist. Es gebe "keine Originaldokumente" zu seinem Landbesitz, sagt einer der Anführer der Koalition der Gruppen landloser Bauern, Belarmino Balbuena. Versuche der Nachrichtenagentur AP, Bogarin zu erreichen, blieben erfolglos. Ländereien wurden während der Diktatur und den Folgeregierungen oft billig verkauft oder an Günstlinge abgegeben, ein aktuelles Kataster gibt es nicht.

Etwa 150.000 bis 230.000 Bauern sind in Gruppen der Landlosen organisiert. Rund 50.000 sollen derzeit Haciendas von Großagrariern belagern. Immer wieder kommt es auch zu Übergriffen, Brandstiftungen, Entführungen und Diebstählen. Lugo gelang es bisher schlimmere Ausschreitungen zu verhindern, indem er schnelle Abhilfe nach der Amtsübernahme versprach.

"Recht auf ein Stück Land"

"Die Verfassung garantiert Privateigentum, aber sie garantiert auch allen Paraguayanern das Recht auf ein Stück Land", sagte Lugo nach seiner Wahl. Gleichzeitig bat er seine Anhänger um Geduld. Er will zunächst brachliegendes oder illegal erworbenes Land enteignen, um es an die Bauern zu verteilen. Zudem will er ein komplettes Verzeichnis erstellen, wem welche Parzellen gehören und ob sie genutzt werden. Das wird Experten zufolge aber etwa zwei Jahre in Anspruch nehmen.

Auch vom Land der Regierung will er Teile an die armen Bauern abgeben. Davon gibt es allerdings nicht mehr viel: Nach einem verlorenen Krieg gegen Argentinien, Brasilien und Uruguay vor 140 Jahren begann die Regierung mit dem Ausverkauf der Ländereien, die damals noch 95 Prozent der Landesfläche ausmachten.

"Wenn ein Monat vergeht, oder eineinhalb, oder zwei", dann müssten erste Ergebnisse sichtbar sein, fordert Ruiz Diaz, während er sich gegen den Maschendrahtzaun lehnt. Wenn der ehemalige "Bischof der Armen" die Wirtschaft des Landes nicht gänzlich lahmlegen will, wird er von seinen Anhängern mehr Geduld einfordern müssen.  (Peter Orsi/AP)

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    Lager der Bauernbewegng MCP in Capiibary

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