Multitasking mit Folgen

6. August 2008, 12:05
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Tägliches Überfordert- und Gehetztsein kann über einen längeren Zeitraum zu einer Reihe von Krankheiten führen

Wien/Leverkusen - Nichts liegen lassen können, immer mehrere Dinge gleichzeitig erledigen - das sind Kennzeichen der sogenannten Hetzkrankheit (Hurry Sickness), auch als Managerkrankheit und Vorstufe zum Burn-out bekannt. Das Syndrom des Gehetztseins hat seine Wurzeln wie das Burn-out im gesellschaftlichen Phänomen der Beschleunigung - einem "ständigen Leben auf der Überholspur", so der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Wolfgang Lalouschek.

Schleichende Entwicklung

"Schneller unterwegs zu sein als mir gut tut", erklärte der Experte. Es handle sich um eine schleichende Entwicklung, bei der die inneren Regler verschoben würden: Was vom Betroffenen zum Beispiel vor einem Jahr noch als krankhaft empfunden worden sei, sei nun normal, so Lalouschek. Wichtiges Korrektiv seien nahe stehende Personen: "Ernstnehmen, wenn Freunde sagen, dich sieht man ja gar nicht mehr."

Eigene Standort-Klärung

Was tun? Sich immer wieder fragen, was einem im eigenen Leben wichtig ist, rät der Neurologe. "Man muss einen Raum finden, in dem man seine Lebensführung evaluieren kann. Der Hamster muss sozusagen aus dem Hamsterrad, um das Leben überhaupt betrachten zu können", sagte Lalouschek. "Angenommen, es gibt ein Original von jedem von uns. Auf einer Skala von zehn bis eins, bei der zehn ganz ich bin und eins nur noch eine Kopie meiner selbst - auf welcher Stufe stehe ich gerade?"

Coaching-Angebote seien vor allem zur Vorbeugung gut; sind bereits Krankheitssymptome wie Depressionen und Schlafstörungen vorhanden, sei eine Psychotherapie nachhaltiger, so der Neurologe. Aber auch körperliche Ursachen müssten abgeklärt werden: "Eine Schilddrüsen-Überfunktion z. B. kann ein Gefühl des Gehetztseins hervorrufen." Bei Nichtbehandlung drohen u. a. Herz-Kreislaufkrankheiten, Magen-Darm-Probleme, Tinnitus, chronische Schmerzen und sexuelle Störungen sowie Erschöpfungsdepressionen.

Betroffen sind primär Frauen

Laut einer Studie, erstellt im Auftrag von Bayer Vital GmbH, litt jede zweite deutsche Studienteilnehmerin zumindest gelegentlich an zehn von elf abgefragten Anzeichen. Vom Leitsymptom, grundsätzlich mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, waren insgesamt 87 Prozent der Frauen betroffen: Auf 35 Prozent traf dies ständig und auf 52 Prozent manchmal zu.

Dauernd unter Zeitdruck standen 13 Prozent der Befragten, 49 Prozent manchmal. Zu den am häufigsten auftretenden Stressfaktoren zählten das Gefühl, gehetzt zu sein, die Mehrfachbelastung durch Beruf, Familie und Haushalt und Beziehungsprobleme. 45 Prozent der Frauen gaben an, wegen Stress und Zeitmangel oft unregelmäßig zu essen. 38 Prozent aßen meistens hastig und 39 Prozent oft erst spät. (APA)

 

 

Wolfgang Lalouschek ist auch im Wiener Institut für Burnout und Stressmanagement tätig. Die Website des Instituts ist unter www.ibos.co.at/ abrufbar. Die Studie wurde im Frühjahr 2008 von GfK-Healthcare unter rund 660 Frauen zwischen 20 und 60 Jahren in Deutschland durchgeführt.

  • Wieder mehr auf die eigenen Bedürfnisse achten, um Krankheiten - auch jene des Herzens - zu vermeiden.
    derStandard.at/Schersch

    Wieder mehr auf die eigenen Bedürfnisse achten, um Krankheiten - auch jene des Herzens - zu vermeiden.

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