Der Tschick, der sich selbst ausdämpft

5. August 2008, 21:10
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"Diese Zigarette kann Leben retten" könnte am Packerl stehen

Andrea Kdolsky könnte doch noch als Visionärin in die österreichische Gesundheitsgeschichte eingehen. Schließlich war die Gesundheitsministerin mit ihrer teils ignorierten, teils verlachten Kampagne "Ka Tschick ist an" nur ihrer Zeit voraus: Europa war einfach noch nicht reif für das, was nun kommen soll - die selbstlöschende Zigarette.

Dabei ist der Tschick, der sich nach einer saugfreien Minute in den Standbymodus begibt, nichts Neues: In einigen US-Bundesstaaten tut er schon Dienst. Und Selbstwuzler, Zigarren- und Pfeifenraucher wissen, dass nur richtig glimmt, was Luft zugeführt bekommt.

Dass gemeine Zigaretten - im Gegensatz zu Pfeifen, Havannas, Joints und Selbstgedrehten - weiterbrennen, wenn man nicht an ihnen zieht, gilt daher auch als Beleg für die Politik der Konzerne: Der Umsatz soll durch eine möglichst kurze Produktlebensdauer erhöht werden. "Brandbeschleuniger" klingt zwar böse, dürfte aber ein paar der Additive der heutigen Packerlzigarette ganz gut treffen.

So gesehen folgt der Safe-Smoke-Stängel, der Feuersbrünste im Schlafzimmer verhindern soll, einer alten Idee: Neu ist Alt - und um das verkaufen zu können, gibt es Gimmicks. In diesem Fall sind das glutstoppende Zusätze im Papier.

Aber nicht nur Zigarettenpapier ist geduldig. Darum werden dem neuen Tschick schon jetzt, lange vor seinem Markteintritt, positive Nebenwirkungen zugeschrieben: "Diese Zigarette kann Leben retten" könnte am Packerl stehen. 2000 im Jahr. Das ist wirklich beachtlich.

Wen interessiert da schon das Kleingedruckte? Die Neue brennt nur, wenn man ordentlich zieht. Der Satz, mit dem sich beim Rauchen ertappte Kids wie einst Bill Clinton rauswinden wollen ("I did not inhale"), zieht dann nicht mehr.

Andererseits ist die Selbstlöschende eine Brückenbauerin. Sie baut Vorurteile ab und stigmatisiert nicht: Wer tote "Halbgerauchte" aus Packerl oder Aschenbecher holt, wird damit nicht mehr seine Zugehörigkeit zur untersten Kaste demonstrieren. Junkies und Sandler werden Seite an Seite mit Opernballbesucherinnen und coolem Jungvolk reilluminieren. Und in den Raucherzonen wird man sich an den feinen Geruch wiederentzündeter Zigaretten auch bald gewöhnen.

Außer die EU-Kommission geht einen Schritt weiter - und verordnet Industrie und Rauchern jenen revolutionären Tschick, der noch weniger Schaden anrichtet als die Selbstlöschende: die nichtanzündbare Zigarette. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2008)

 

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