Japan droht Ende des Aufschwungs

5. August 2008, 19:19
10 Postings

Die Japaner müssen umlernen: Nach sechs Jahren Blüte meldet sich die Krise zurück. Ein Konjunkturprogramm soll der Teuerung gegensteuern, Neuwahlen drohen

Tokio - Japans Regierung wird die Konjunkturbewertung am Donnerstag in ihrem monatlichen Wirtschaftsbericht voraussichtlich von "Erholung" auf "Schwächung" senken, berichtet die japanische Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf hochrangige Regierungsbeamte. Damit würde offiziell das Ende des längsten Aufschwungs der Nachkriegsgeschichte eingeläutet.

Angetrieben von der US-Nachfrage, dem Wachstum in den Entwicklungs- und Schwellenländern wie China, Indien, Brasilien und Russland und dem schwachen Yen stieg Japans Bruttoinlandsprodukt seit 2002 jährlich um zwei Prozent. Die Arbeitslosenrate sank auf unter vier Prozent. Doch nun bringen die globale Finanzkrise und die Preisexplosionen bei Öl und Nahrungsmitteln die Krise zurück.

Mikihiro Matsuoka, Volkswirt der Deutschen Securities in Tokio, warnte, dass Asiens größte Volkswirtschaft im laufenden wie in den kommenden zwei Quartalen gegenüber dem Vorquartal schrumpfen könnte. Damit wäre technisch das Merkmal der Rezession erfüllt.

Während Volkswirte für das bis Ende März 2009 laufende Fiskaljahr im Schnitt über ein Prozent Wachstum erwarten, sagt er nur noch 0,1 Prozent voraus. 2009 sieht er nur wenig Besserung, denn für ihn droht sich das Weltwachstum auch 2009 weiter zu verlangsamen. Gleichzeitig dürfte die Kaufkraft der Japaner selbst bei einem Rückgang der Energiepreise und der von null auf zwei Prozent hochgesprungenen Inflationsrate sinken, da die Arbeitslosigkeit steigt.

Banken leiden

Die Bremsspur der Weltkonjunktur zeigt sich deutlich in den Firmenbilanzen für das erste Quartal des bis März 2009 laufenden japanischen Geschäftsjahres. Nach einer Untersuchung der UBS konnten die Konzerne, die bisher ihre Zahlenwerke vorgelegt haben, den Umsatz zwischen April und Juni zwar noch leicht gegenüber dem vorhergehenden Vierteljahr steigern. Aber der Rückgang der Gewinne beschleunigte sich von 2,8 zu Jahresbeginn auf 13,1 Prozent.

Auch Banken leiden, denn immer mehr Firmen machen Pleite. Japans größtes Geldinstitut, die Finanzgruppe Mitsubishi UFJ, musste wegen steigender Kreditausfälle für das erste Quartal überraschend einen Gewinnrückgang von 66 Prozent gegenüber 2007 verbuchen.

Japans Ministerpräsident Yasuo Fukuda hat daher über das Wochenende mit einer Kabinettsumbildung die Gunst der Stunde genutzt und die Epoche der Strukturreformen seines populären Vorgängers Junichiro Koizumi beendet. Fukuda warf Finanzwesensminister Yoshimi Watanabe aus dem Kabinett. Er war der letzte harte Anhänger des in der Bevölkerung wegen seiner Anti-Klüngel-Politik beliebten, aber in der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) aus demselben Grund verhassten Koizumi. Stattdessen hob er Erzrivalen Koizumis in Schlüsselpositionen.

Abkehr vom Sparkurs

Am Montag folgte die endgültige Abkehr vom Sparkurs Koizumis. Während für diesen die Sanierung des verschuldeten Staatshaushalts Vorrang hatte, gab Fukuda bei seinem neuen Minister für Wirtschaft und Steuerpolitik, Kaoru Yosano, ein Konjunkturprogramm in Auftrag. Damit sollen negative Folgen des Energie- und Nahrungspreisanstiegs gemildert werden. "Die japanische Wirtschaft steht vor größeren Schwierigkeiten", so Fukuda. "Wir müssen uns darauf vorbereiten, alle möglichen politischen Maßnahmen zu mobilisieren."

Hinter der Rückkehr zur Politik der großzügigen Hand steht wahltaktisches Kalkül. Weil die Opposition mit ihrer Mehrheit im zustimmungspflichtigen Oberhaus die Regierung nahezu blockiert, kann es jederzeit zu vorgezogenen Neuwahlen des politisch entscheidenden Unterhauses kommen. Und Fukuda ist derzeit so unpopulär, dass seine Partei ihre Unterhausmehrheit zu verlieren droht. (Martin Kölling aus Tokio, DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Tokio hat schon bessere Zeiten erlebt. Experten warnen vor einem starken Wirtschaftsabschwung in Japan. Die Arbeitslosigkeit werde steigen, die Kaufkraft sinken.

Share if you care.