"Chinas Wille zur Umsetzung"

5. August 2008, 20:01
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China-Experte in Sachen Forschungspolitik Manfred Horvat im STANDARD-Interview über Pekings Strategien und mögliche Kooperationen mit Europa

STANDARD: Wie schätzen Sie die wissenschaftlichen Fortschritte Chinas ein, und wie geht es dort weiter?

Horvat: China hat sich in den vergangenen Jahren auf allen Ebenen enorm gesteigert, bei den Publikationen ebenso wie bei den Forschungsausgaben. Was bisher geschah, ist Teil einer langfristigen Strategie. So wird China bis 2010 wohl bei den F&E-Ausgaben das EU-Mittel erreichen. Und bis 2020 will man rund 40 Universitäten an die Weltspitze bringen.

STANDARD: Wie ist es im angewandten Bereich? Ist China nicht in erster Linie Nachahmer westlicher Technologie?

Horvat: Nein, von dieser Vorstellung muss man sich verabschieden. Das Land hat mittlerweile hochqualifizierte Experten und Forschungseinrichtungen in allen Bereichen. Unternehmen setzen auf Innovation und entwickeln eigene Marken. China fährt nunmehr eine sogenannte Go-out-Strategie. Das heißt, es geht nicht mehr nur darum, westliche Unternehmen wegen der günstigen Lohnkosten ins Land zu locken, sondern darum, selbst zu expandieren. Man denke nur an den Telekomausstatter Huawei. Daher sollte man jetzt längerfristige Partnerschaften entwickeln.

STANDARD: Wie gut sind im Vergleich zu den USA Europas Chancen, mit China stärker zu kooperieren?

Horvat: Wenn man in China mit Offiziellen spricht, klingt meist eine gewisse Präferenz für Europa durch. China ist an einer multipolaren Welt interessiert, in der neben den USA auch Europa und natürlich es selbst eine wichtige Rolle spielen sollen. Insofern scheint es auch eine Bevorzugung von Kooperationen mit Europa zu geben.

STANDARD: In welchen Bereichen sehen Sie für Österreich im Speziellen Kooperationschancen?

Horvat: Die gibt es fast überall und sie existieren vielfach bereits - wobei natürlich die Balance zwischen Kooperation und Konkurrenz zu finden sein wird. AVL-List und andere Firmen haben längst Forschungsabteilungen in China. Auf der anderen Seite ist Wien für chinesische Firmen wegen der Vernetzung in Europa und der Wachstumsmärkte in Osteuropa ein günstiger Standort. Besonders gute Chancen - auch für Universitäten - sehe ich zum Beispiel für Umweltwissenschaften. Nachhaltige Energiegewinnung und Energiesparhäuser sind in China große Themen - wegen der großen Umweltprobleme, dem wachsenden Umweltbewusstsein und dem weiterhin steigenden Energiebedarf des Landes, aber auch wegen der Einsicht der Staates, hier unbedingt etwas tun zu müssen. Und wegen Chinas Willen zur Umsetzung. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2008)

Zur Person

Manfred Horvat (67) leitete das Außeninstitut der TU Wien, war Direktor des Büros für Internationale Forschungs- und Technologiekooperation und danach Bereichsleiter in der FFG. Heute berät er unter anderem das bmwf und das bmvit in Sachen internationale Forschungskooperation.

  • Manfred Horvat, China-Experte in Sachen Forschungspolitik.
    foto: der standard/robert newald

    Manfred Horvat, China-Experte in Sachen Forschungspolitik.

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