Der lange Marsch zur Forschungssupermacht

5. August 2008, 20:01
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Auf dem Wissenschaftssektor haben die Chinesen in den vergangenen Jahren eine enorme Aufholjagd hingelegt - Dennoch ist es noch ein weiter Weg bis zur Weltspitze

Man darf gespannt sein, wer diesmal am Ende vorn sein wird. Nachdem Chinas Sportler in Athen vor vier Jahren 32 Goldmedaillen und insgesamt 63-mal Edelmetall errungen hatten und in der Goldbilanz nur von den US-Amerikanern (mit 36 Goldenen und insgesamt 102 Medaillenplätzen) geschlagen worden sind, ist bei den Heimspielen natürlich Platz eins das erklärte Ziel.

Es würde nicht überraschen, wenn das Reich der Mitte am 24. August bei der Medaillenbilanz ganz oben in der Mitte des Stockerls stünde - trotz anderslautender Prognosen eines deutschen Ökonomieprofessors und Exolympiasiegers, der auf Sporterfolgsprognosen spezialisiert ist: Wolfgang Maennig von der Universität Hamburg hat kürzlich errechnet, dass die USA diesmal auf 95 Medaillen kommen werden und China auf bloß 68, geschlagen sogar von Russland (mit 78-mal Edelmetall). Man wird sehen.

Wie aber schaut es mit der wissenschaftlichen Performanz Chinas aus? Wie weit ist das Reich der Mitte noch davon entfernt, auch eine Forschungssupermacht zu werden? Und lässt sich in der Wissenschaft Weltklasse überhaupt so planen wie im Sport?

Ganz so geschwind wie im Sport geht es bei der Forschung jedenfalls nicht. Während Chinas sportliche Goldmission im Grunde erst mit der Zuerkennung der Olympischen Spiele vor sieben Jahren begann, gehen Chinas erste Bemühungen, Anschluss an die wissenschaftliche Weltspitze zu finden, auf das Jahr 1978 zurück, als man eine Totalreform des völlig rückständigen Wissenschaftssystems beschloss.

So richtig los mit dem chinesischen Forschungsboom ging es dann allerdings erst Ende der 1990er-Jahre: Seit 1999 wuchsen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung um 20 Prozent jährlich auf mittlerweile fast 1,5 Prozent des BIP. Bei der Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen hat sich China im selben Zeitraum von knapp mehr als 20.000 Veröffentlichungen auf knapp 80.000 gesteigert - macht weltweit Platz zwei hinter den auch langfristig wohl uneinholbaren USA.

Während China im Jahr 1980 bloß 0,2 Prozent der wissenschaftlichen Veröffentlichungen weltweit beisteuerte, sind es mittlerweile 7,4 Prozent. In den vergangenen fünf Jahren wurden damit Japan, Frankreich, Deutschland und Großbritannien überholt.

"In China geht es massiv ab", bestätigt auch der Molekularbiologe Josef Penninger, den einiges mit China verbindet: Er ist mit einer Chinesin verheiratet und hat eine Honorarprofessur an der Universität Peking inne. "Forschern geht es in China extrem gut", so Penninger, "insbesondere jenen, die aus dem Ausland wieder nach China zurückkommen."

Aufschwung dank Heimkehr

Diese Heimkehrer sind auch hauptverantwortlich für den Aufschwung der chinesischen Forschung. Ihnen wurden nicht nur ähnliche Gehälter wie in den USA angeboten, sie erhielten auch die Möglichkeit, in kurzer Zeit große Forschungsgruppen oder ganze Institute aufzubauen. Damit wurden nicht nur die neuesten Techniken und Forschungsansätze importiert, sondern eben auch eine bis dahin fehlende an internationalem Output orientierte Wissenschaftskultur.

In den meisten Bereichen dominiert freilich noch die Masse vor der Klasse: Chinesische Publikationen werden deutlich weniger oft zitiert, als das beim Weltdurchschnitt der Fall ist. Nur im Bereich der Nanotechnologie und der Materialwissenschaft, zwei von Chinas erklärten Forschungsschwerpunkten, kommt man knapp an diese durchschnittlichen Werte heran.

Auch bei den Universitäten ist der Weg bis zur absoluten Weltklasse, der vor zehn Jahren beschlossen und eingeschlagen wurde, noch vergleichsweise weit: Im weltweiten Uni-Ranking des Times Higher Education Supplement vom vorigen Jahr schafften es gerade einmal sechs chinesische Universitäten unter die Top hundert, darunter allerdings drei aus Hongkong. Die Universität Peking fiel im Vorjahr von Platz 14 im Jahre 2006 auf Platz 36 zurück. (Die Universität Wien rangiert in dieser Rangliste auf Platz 85, ex aequo mit der Fudan-Universität in Schanghai.)

Es ist aber abzusehen, dass die schiere Quantität demnächst noch mehr als bisher in Qualität umschlagen wird. "Der Zahlenvergleich macht klar, was da kommen wird. Gerade auch im Hinblick auf die besten Forscher" prophezeit auch Josef Penninger: "In China gibt es einfach mehr als zehnmal so viele Leute als in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen."

Für die chinesischen Unis bedeutet das etwa, dass sie sich ihre Studierenden sehr genau aussuchen können: Nur einer von acht Bewerbern wird genommen. Trotzdem erhalten mehr als 250.000 Ingenieure jährlich ihr Diplom. Und 2007 gab es allein in den USA 32.000 chinesische Studierende, die ihre Dissertation abschlossen - das ist fast ein Viertel aller ausländischen Promovierten an den Spitzen-Unis Harvard, Yale und Co.

Verschiebung nach Osten

Werden diese je von chinesischen Unis überflügelt werden? Der japanische Wissenschaftshistoriker Shigeru Nakayama meinte bereits vor dreißig Jahren, dass sich das geografische Zentrum der Wissenschaft seit Ende des 19. Jahrhunderts stetig westwärts verlagerte - zunächst lag es in Europa, dann wanderte es nach Nordamerika. Und in Zukunft werde es in Japan, Korea und China liegen.

Doch bis eine kritische Masse von Universitäten und Forschungsinstituten in China Weltbedeutung erreicht haben wird, werden wohl noch Jahrzehnte vergehen, was nicht heißen soll, dass Nakayama sich mit seiner Prognose ähnlich getäuscht haben muss wie Wolfgang Maennig mit seiner olympischen Medaillenprophetie. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2008)

  • "Kexue" ist das chinesische Schriftzeichen für Wissenschaft, die in China großgeschrieben wird: Chinesische Forscher, die aus den USA zurückkehren, werden so gut bezahlt wie in Nordamerika.
    illustration: beigelbeck

    "Kexue" ist das chinesische Schriftzeichen für Wissenschaft, die in China großgeschrieben wird: Chinesische Forscher, die aus den USA zurückkehren, werden so gut bezahlt wie in Nordamerika.

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