Asylgerichtshof kippt Altersgutachten

5. August 2008, 17:52
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Nierenmessen und Zahnzählen bei jungen Flüchtlingen "unverlässliche" Methoden

Wien - "Das Gutachten ist kursorisch gehalten, Angaben über die Qualifikation des Gutachters und die Verlässlichkeit der von ihm verwendeten Methoden fehlen." Mit diesen je gleichlautenden Worten haben die Asylgerichtshof-Richter Christian Filzwieser und Bettina Maurer-Kober zwei jungen Afghanen Recht gegeben. Die Flüchtlinge hatten sich gegen die umstrittenen Volljährigkeitserklärungen des Kinderarztes Karl Klabuschnigg beschwert.

Die im Juli ergangenen Erkenntnisse, die demStandard vorliegen, bestärken die NGO-Kritik an Klabuschniggs Expertisen. Das Vertrauen der Asylbehörden in den Mediziner erschüttern sie nicht: "Der Asylgerichtshof hat lediglich mehr Genauigkeit eingemahnt. Klabuschnigg bleibt Gutachter", sagt Bernhard Macalka vom Bundesamt Traiskirchen.

In dessen Auftrag ist der 60-jährige Mediziner aus dem Burgenland seit Anfang Mai 2008 als Altersgutachter aktiv. Pro Woche werden ihm bis zu 15 junge Flüchtlinge vorgestellt, die bei ihrem Asylantrag angegeben haben, noch minderjährig zu sein.

Fast immer "volljährig"

Der burgenländische Arzt sieht das meist anders: Nach Ermittlung des Kopfumfangs, Zahnzählung, Beschreibung der Körperbehaarung sowie Nieren- und Schilddrüsenvermessung per Ultraschall attestiert er in rund 90 Prozent der Fälle ein Alter von über 18 Jahren: Ein laut Albert Riedelsheimer vom deutschen Bundesfachverband für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge "extrem hoher Prozentsatz".

Klabuschniggs Volljährigkeitserklärungen haben für die Betroffenen weitreichende Folgen: Wer als erwachsen gilt, muss aus jugendgerechten Betreuungseinrichtungen ausziehen. Er oder sie kann leichter in einen anderen EU-Staat abgeschoben werden - aktuell oft nach Griechenland, dessen Asylsystem vom UNHCR als teils unsicher bezeichnet worden ist.

Für die jungen Flüchtlinge gehe es "um nicht wenig", meint denn auch der Wiener Kinderarzt Rudolf Schmitzberger. Er hat in der Wiener Ärztekammer eine Expertenkommission ins Leben gerufen, die bis zur Vollversammlung im Spätherbst "für Mediziner in ganz Österreich geltende Standards bei Altersgutachten" erarbeiten will. In diese, so betont er, müssten "auch Psychologen und Kinderpsychiater einbezogen werden". (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2008)

 

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