"In Salzburg bin ich ein Außenseiter"

5. August 2008, 17:41
2 Postings

Orhan Pamuk ist "Dichter zu Gast" bei den Salzburger Festspielen - Der türkische Autor präsentiert seinen noch unveröffentlichten Roman "Museum der Unschuld"

Salzburg - Er könnte auch Ingenieur sein. Oder Professor. Allerdings kein staubtrockener: Orhan Pamuk vermag es, pointiert zu erzählen. Beziehungsweise: literarisiert. Denn wenn man ihm zuhört, meint man, er müsse schon recht lang bei den Festspielen als Dichter zu Gast sein. "Es ist wunderbar hier auf Schloss Leopoldskron" , sagt er. Er genieße es, in seinem Zimmer - einen Stock über der barocken Bibliothek, in der wir sitzen - mit Blick auf den See bis drei Uhr morgens an seinen Texten zu arbeiten. "Ich wünschte, ich hätte diesen Ort bis an mein Lebensende."

Dabei war Pamuk erst Samstagabend angereist. Und am Montagnachmittag fand das Gespräch mit einigen österreichischen Journalisten statt. Politische Fragen allerdings hatte sich der türkische, in New York lebende Träger des Literaturnobelpreises von 2006 verbeten. Und so erzählte Pamuk davon, was er in dieser Stadt mit der überbordenden Tradition am meisten liebe: "Herumzuwandern, frei zu sein. Ich fühle mich nicht als Außenseiter in Europa, aber als Außenseiter in Salzburg. Ich bin nicht so sehr an Musik interessiert, sondern ein Autor. Ich bin daher hier ein Voyeur."

Und ohne dass es einer darauf angelegt hätte, bricht Pamuk selbst das Tabu: Oper sei zwar eine großartige Kunstform, dem das türkische Publikum aber nur schwer zu folgen vermöge. "Es ist eine politische Sache: Atatürk wollte diese Kultur etablieren, es wurden Orchester gegründet - aber die Oper gilt auch als westliches Symbol, was viele Türken ablehnen. Dass die Oper selbst der Oberschicht kein großes Vergnügen bereitet, ist eines der türkischen Dilemmas."

Weitere Dilemmas sprach zunächst niemand an. Er habe eine Affinität zu Hofmannsthal, sagt Pamuk, er schätze Stefan Zweig. Seine sieben großen Heroen seien jedoch Tolstoi, Dostojewski, Proust, Thomas Mann, Borges, Calvino und Nabokow. "Aber nicht Kafka!" Auch wenn es in Kar, seinem ersten politischen Roman (2002, auf Deutsch Schnee), einen kafkaesken Namen (den Dichter Ka) und auch eine solche Situation gibt. "Ich habe Kafka gelesen. Aber das ist Vergangenheit. So wie ich Hemingway und Falkner las - aber niemals zu ihnen zurückkehrte."

Irgendwann wird es dann aber doch politisch. Denn in Rot ist mein Name sprechen auch tote Personen. Ob Pamuk an ein Leben nach dem Tod glaubt? "Ich glaube an Literatur nach dem Leben." Ob er Angst habe vor dem Tod? "Natürlich! Der Tod ist eine derart große Sache, dass selbst das Schreiben guter Bücher darüber kein Heilmittel ist. Dem Tod in die Augen zu schauen ist wichtig. Der Tod ist eine grausige Sache: Wir machen Witze über ihn - und laufen vor ihm weg. Ich glaube, die Sensibilität, wie wir uns dem Schönen öffnen, weil wir am Leben sind und Dinge klarer sehen, ist verknüpft mit der Akzeptanz des Todes."

Und auf die Frage, wie er, vor Jahren der Türkei-Beleidigung angeklagt, mit Morddrohungen umgehe, antwortet Pamuk: "Ich sage mir: Ich gehe in die andere Welt - in die Welt der Literatur. Seit fünf Jahren lebe ich mit politischen Repressionen. Oft ist es nur die Literatur, die mich tröstet, und so habe ich immerhin meinen 600 Seiten starken neuen Roman geschafft."

Die Liebe passiert einfach

Er erscheint am 1. September in der Türkei - und bereits am 11. September auf Deutsch bei Hanser. "In Museum der Unschuld schreibe ich über die Liebe. Es ist aber weder eine Glorifizierung noch ein persönliches Statement." Und auf Nachfrage: "Liebe ist nicht etwas, worüber wir traurig oder froh sein sollten. Es ist etwas, das uns passiert. Daher sollten wir auf Distanz gehen - und beobachten, was mit uns passiert, wenn wir uns verlieben." Mehr will er zwar nicht verraten, aber:"Einer der Aspekte, an die ich glaube, ist die Bindung - auch zu Gegenständen. Mein Romanheld sammelt Dinge - im Gegensatz zu mir. Ich sammle höchstens Bücher, aber die werfe ich nach dem Lesen weg oder gebe sie weiter. Daher bin ich kein Sammler. Denn ein Sammler zerstört nie seine Objekte, und er will auch nicht, dass ein anderer sie besitzt."

Es geht also auch um das Bewahren von Traditionen. "Kultur verändert Dinge. Es wird nie enden, Vergangenes zu vergessen und Traditionen zu verlieren. Denn es geht nicht, einem chinesischen Sekretär zu sagen, er darf keinen Fotokopierer benutzen, weil die Tradition der Handschrift in Verlust geraten könnte. Traditionen am Leben zu erhalten ist eine politische, moralische Angelegenheit. Wir können nur hoffen, dass wir eine freie, demokratische Wahl haben bei der Entscheidung, was wir bewahren und was wir vergessen wollen."

Als Ergänzung zum Roman sollte es in der Frankfurter Schirn eine Ausstellung mit den Objekten des Museums der Unschuld geben. Doch sie wurde verschoben: "Ich fahre zur Buchmesse, um die Eröffnungsrede zu halten. Dabei werde ich versuchen, einen neuen Termin festzulegen." Diesjähriges Gastland der Buchmesse (15. bis 19. Oktober) ist die Türkei. Zu deren Programm äußert sich Pamuk nicht: Dieses sei Sache der Regierung, er sei nicht involviert.

Also andersrum: Wie gefährlich kann Literatur sein? "Literatur ist nicht wirklich gefährlich. Literatur ist nicht notwendigerweise politisch. Literatur repräsentiert die Welt durch Geschichten, Verständnis, Moralvorstellungen, aber sie hat keinen großen Einfluss darauf, was passiert. Natürlich haben Autoren - von Zola bis Sartre - einen Einfluss. Weil sie berühmt sind, weil die Führer ihnen zuhören. Nicht was sie in den Büchern schreiben, aber was sie zu politischen Themen sagen, kann ihnen Probleme bereiten. Das passierte auch mir: Die Literatur macht dich berühmt, dann redest du mit Journalisten - und das ist gefährlich!"

Das Buch ist unschuldig

Natürlich weiß auch Pamuk: "Eine politische Schlagzeile ist mehr sexy als eine literarische." Aber er habe sechs Jahre an seinem neuen "unschuldigen" Buch geschrieben, in dem es "fast nicht" um Politik gehe. Er wolle es daher nicht in Misskredit bringen, "nur weil ich eine Aussage zur EU und die Türkei mache. Es ist eine delikate Angelegenheit: Ich will mich natürlich zur Politik äußern, aber ich will auch, dass ich nicht nur als politischer Kommentator verstanden werde, sondern als Autor." Manchmal witzle er: Er sollte von der Türkei bestraft werden für die politischen Fragen, die internationale Journalisten ihm stellten.

Und dann stellt der Standard doch die heikle Frage: "Wenn die Türkei ein Teil von Europa ist: Wo endet Europa?" Und Pamuk, der den Trick durchschaut, lächelt weise. Er antwortet trotzdem: "Die EU sollte Prinzipien zur Grundlage haben, keine Landkarte. Die EU ist nicht nur eine militärisch-strategische Sache, sie ist mehr. Hier geht es um Moral, Identität, Wirtschaft und auch Religion. Auch in der Türkei gibt es keine einhellige Meinung: Es gibt Türken, die beitreten wollen, und andere, die nicht beitreten wollen. Sie debattieren heftig. Es ist ein heißes Thema. Es geht um eine Entscheidung über die Zukunft von Europa. Es geht auch um eine neue Vorstellung von Europa."

Eine Entwicklung aber sieht Orhan Pamuk entspannt: "Amerika hatte schlechte Jahre unter Präsident Bush. Obamas herzlicher Empfang in Berlin ist ein Zeichen, dass Amerika wieder toleranter wird und sich öffnet." Das sei wichtig - nicht nur für Amerika, sondern für die ganze Welt. "Denn wir wissen, dass die USA die Waffen haben, um uns alle zu verletzen. Und das probieren sie ja manchmal aus, wenn sie Leute töten." (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe, 06.08.2008)

Hinweis
Am 7. August um 17 Uhr lesen Orhan Pamuk und Helmuth Lohner in der Felsenreitschule aus "Museum der Unschuld" (deutsch/englisch).

  • Nicht die Literatur sei gefährlich, sagt Orhan Pamuk, dem die Ermordung
angedroht wurde:"Die Literatur macht dich berühmt, dann redest du mit
Journalisten - und das ist gefährlich!"
    fotos: wildbild

    Nicht die Literatur sei gefährlich, sagt Orhan Pamuk, dem die Ermordung angedroht wurde:"Die Literatur macht dich berühmt, dann redest du mit Journalisten - und das ist gefährlich!"

Share if you care.