Abgeschossene Vögel, antanzende Frösche

5. August 2008, 17:40
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ÖOC-Arzt Engl erwartet "eine Riesendiskussion" über Luftqualität, der IOC-Chefmediziner wiegelt ab. Das Wetter hilft vielleicht, Wunder wirken wird es auch nicht können

Den Vogel hat Russell Mark abgeschossen. Nicht wirklich, sondern bildlich. Der australische Wurfscheibenschütze, Olympiasieger 1996 und Zweiter 2000, dürfte es nicht ganz ernst gemeint haben, als er sagte: "Wenn ich schieße, sollen hier ruhig alle Autos fahren. Ich wünsche mir dicke Luft. Dunst kommt mir entgegen. Dann sehe ich die Scheiben viel besser als bei klarem Hintergrund." Dunst kam am Dienstag in Peking auch Thomas Rohregger entgegen. Nicht bildlich, sondern wirklich. Er ist sich "nicht sicher, ob da nicht alle gesundheitliche Schäden davontragen." Der Sieger der Österreich-Radrundfahrt krächzte, nachdem er das erste Training abgespult hatte. Drei Stunden seien ihm wie sechs vorgekommen, Lunge und Augen hätten gebrannt.

Arne Ljungqvist, der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des IOC und gleichfalls Vogelabschießer, stellte sich am Dienstag hin und sagte tatsächlich, die Luftverschmutzung werde den Athleten und Besuchern "keine großen Probleme bereiten" . Man habe bei der Peking-Evaluierung immerhin die mittleren WHO-Maßstäbe, jene für Entwicklungsländer, angelegt. Und Peking habe die Vorgaben "in vielerlei Hinsicht" erfüllt. Von jeder Hinsicht ist nicht die Rede gewesen, konnte wohl gar nicht die Rede sein, schließlich wird China erst demnächst damit beginnen, auch Belastungen durch Ozon und Feinstaub zu messen.

IOC-Chefmediziner Ljungqvist sagt, die Pekinger Luft stelle ein potenzielles Gesundheitsrisiko "nur für Pekings Einwohner" (Anmerkung: circa zwölf Millionen Menschen) und für "Langzeitbesucher" dar. Hitze und Luftfeuchtigkeit würden oft die Sicht verschleiern, das werde dann fälschlicherweise oft mit Luftverschmutzung gleichgesetzt. ÖOC-Arzt Alfred Engel kann sich "gut vorstellen, dass es eine Riesendiskussion gibt, wenn die großen Nationen vollzählig hier sind".

Nach Angaben des Pekinger Umweltamts herrschte am Dienstagvormittag "nur leichte Luftverschmutzung" , am Nachmittag kam Wind auf, die Sicht wurde etwas besser, allerdings sprachen nur Einheimische von himmelblauem Himmel. Rohregger räusperte sich und blieb dabei, das Training, zumal auf dem flachen Triathlon-Kurs, sei "schlimmer als erwartet" gewesen. "Als ich aufs Tempo drücken wollte, wurde der Druck auf die Lunge fast unerträglich." Am Samstag haben Rohregger und Christian Pfannberger, der erst heute, Mittwoch, anreist, 245 Kilometer zu absolvieren, die sieben Runden im zweiten Teil des Rennens warten mit je 500 Höhenmetern auf. Rohregger: "Da müssen wir jetzt durch."

Viel wird vom Wetter abhängen, Wind beispielsweise kann hilfreich sein, ein kleiner Regenguss da und dort kommt manchmal auch wie gerufen. Und wenn er nicht wie gerufen kommt, dann wär's schon möglich, dass die Chinesen ein wenig nachhelfen. Ob das Impfen von Wolken mit Silberjodid tatsächlich funktioniert, lässt sich vielleicht am Freitag beobachten. Zur Eröffnung der Spiele der XXIX. Olympiade wünschen sich die Organisatoren alles, nur keinen Regen. Vielleicht kann man eine mögliche Wolke dazu bewegen, ihr Wasser schon vor der Stadt zu lassen oder aber es länger zu halten und über Peking hinwegzuziehen.

Wetterfrösche, die bei Olympia antanzen, gibt es sonder Zahl, alle tragen englische Titel, jeder kommt von einem anderen Amt. Zhang Qiang, Deputy Director im Beijing Weather Modification Office: "Während der Spiele wird es mehr regnen als sonst." Wang Yubin, Deputy Chief Engineer im Beijing Meteorological Bureau: "Dem Feuerwerk bei der Eröffnung würde Regen nichts anhaben." Guo Hu, Director of the Beijing Meteorological Observatory: "Am Mittwoch können wir Ihnen Genaueres sagen."

IOC-Präsident Jacques Rogge, der allerdings bereits so einiges angekündigt hat, redete schon davon, den einen oder anderen Bewerb verschieben zu wollen, sollte die Luft gar zu schlecht sein. Der Marathon der Männer am Schlusstag (24. August) allerdings wäre wohl unverschiebbar. China müht sich. "Aber das vom Menschen veränderte Wetter ist nicht so zielgerichtet und korrekt, wie wir dachten" , sagt Sun Jisong. Er muss es wissen, er ist Chief Weather Official im Beijing Meteorological Bureau. (Fritz Neumann aus Peking - STANDARD PRINTAUSGABE 6.8. 2008)

 

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