Die Emotionsorgel des Spektakels

5. August 2008, 17:35
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Mit dem Stück "Empire (Art & Politics)" des Kollektivs Superamas erlebt die Gesellschaftskritik in der zeitgenössischen Choreografie eine neue Dimension

Wien - Am Anfang herrscht Krieg, und alles endet im Krieg. Das neue Stück des französisch-österreichischen Kollektivs Superamas, Empire (Art & Politics), das nach seiner Premiere in Paris nun auch bei ImPulsTanz im Akademietheater zu sehen ist, rückt das Verhältnis zwischen Politik, Kunst und Medien in ein Zentrum, ein Thema also, das gerne verdrängt oder schöngeredet wird. Wie immer bei der mittlerweile wohl erfolgreichsten choreografischen Performancegruppe, die Wien je hatte, ziehen sich auch durch diese Arbeit mehrere Bedeutungsebenen.

Die wichtigste dabei ist eindeutig der unversöhnliche Konflikt zwischen opportunistischer Kulturpolitik und nichtopportuner Kunst. Jener Kulturkampf also, der in den Palästen von Beamten und Diplomaten gegen die eigene Kunstproduktion geführt wird. Dies geschieht, wie sich dem Stück entnehmen lässt, auf den glatten Parketten des globalisierten medialen Empire, auf denen Künstler wie Politiker ihre Buhlschaften und Kriegstänze aufführen.

Folgerichtig beginnt dieses Empire auch mit dem "tanzenden" Wiener Kongress (1814/15) und der Schlacht von Aspern, in der Napoleon 1809 den Nimbus der Unbesiegbarkeit verlor. Die Darsteller sind mit historischen Kostümen aufgetakelt. Es wird geschossen, geflirtet, gestorben, vergewaltigt, bis aus einer Ecke ein Dolly mit aufgebauter Filmkamera fährt und klarmacht: Hier ist ein Dreh im Gange, und das Geschehen muss als Spiel im Schauspiel gelesen werden. Von nun an wird der symbolische Medienkörper aus Kameraauge und Tonarm die Szenerie nicht mehr verlassen. Das besagt: Nicht ein Expertentum, sondern die Unterhaltungsindustrie deutet das Weltgeschehen. Geschichte ist zur Ware geworden wie all jene politische Praxis, die nur über ihre Vermarktung existiert. Superamas stellt dar, wie das mediale Empire in seiner Emotionsorgel alles Wissen in den Wind pfeift.

Verlogene, eitle Subjekte

Dafür saugt die Kamera Bilder in sich hinein, und der Tonarm fängt Worte ein, die allesamt Zitate aus billigen Filmen sein könnten, die hinterhältige Stimmungen auf schwülen Cocktailpartys mit weichzeichnender Sentimentalität wiedergeben. Auch Superamas selbst wird von den Superamas auf die Bühne zitiert - als verlogenes, eitles, sexgeiles Subjekt, das sich vom Zenit seiner Karriere nach Afghanistan beamt, um dort eine iranische Regisseurin zu interviewen. Dieses Abenteuer wird in einem Video dargestellt, das im übertragenen Sinn die zentrale Figur des Stücks bildet. In dieser schießen sich - die richtigen - Superamas auf das Infotainment ein, das sich unter dem Deckmäntelchen der Dokumentation andient.

In Empire regiert, und zwar mit einem gnadenlosen Realismus, das Schlechte: abseitige Politik, miserable Kunst, verlogene Medienmacherei, Intrige, Bosheit, Eitelkeit, Rassismus und Sexismus - alles als Stoff jenes falschen Lebens, das sich über das Spektakel verwirklicht und bestens vermarkten lässt. Es ist ein lautes Stück mit einer Unmenge an Anspielungen und Metaphern, ein Referenzmonster, das sich demonstrativ in den Kloaken des Kapitalismus an der Gülle der Repräsentationskultur gütlich tut. Diese Arbeit funktioniert vor allem, weil sie trotz ihrer scharfen kritischen Form ein predigtfreier Raum bleibt. Hier wird nicht ethisch korrekt von der Kunstkanzel herab gegeifert, sondern mit sinnlicher Akribie jener Abfall organisiert, in dem kleinlicher Stunk zu großer Politik gerinnt.

Damit überschreibt Superamas etwa Wim Vandekeybus' ebenfalls politisches Stück Menske mit einer wesentlich ehrlicheren Diskursmaschine. Vandekeybus ästhetisiert ein Desaster, Superamas hingegen wirft seine Ursachen in den Ring. So wird das Stück zum Medium des Spektakels. Wenn am Ende alle Darsteller gebannt einer virtuosen Licht- und Lärm-Choreografie zuschauen, die den Blitz und Donner eines in einen Raketenangriff übergehenden Feuerwerks vorführt, erinnert das an Belsazars Palast, an die berühmte Geisterschrift an der Wand: "Mene mene tekel u-pharsin - Gott hat dein Königtum gezählt und beendet."

Für Politiker, Entertainer, aber auch Utopisten im Publikum muss Empire schwer verdaulich sein. Stellt man jedoch Jennifer Laceys Les Assistantes in Bezug zu dieser Arbeit, wird deutlich, wie sehr gegensätzliche Masterpieces einander begründen können. Laceys Arbeit an der Hoffnung gewinnt durch die Dystopie der Superamas ein besonderes Gewicht, und Empire zeigt die Notwendigkeit eines nachhaltigen Umdenkens gerade bei jenen auf, deren destruktives Werk den Stoff für dieses grandiose Stück abgibt. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 06.08.2008)

"Empire (Art & Politics)" , heute, 6. 8., noch einmal im Akademietheater, 21.00

  • "Originales"  Komtesserl in einer Drehpause des Geschichtsunterrichts, wie ihn die Entertainmentindustrie vermarktet.
    foto: superamas

    "Originales" Komtesserl in einer Drehpause des Geschichtsunterrichts, wie ihn die Entertainmentindustrie vermarktet.

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