Ein Stoff macht Kleidungsgeschichte

5. August 2008, 17:16
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Die Wax-Prints der südghanaischen Frauen bewegen sich zwischen Tradition und Mode

Industriell gedruckte Stoffe, für südghanaische Frauenkleidung und deren Designs unentbehrlich, stammen ursprünglich aus Europa. Stationen in ihrer Vermarktung lassen sich historisch nachvollziehen. Es lässt sich nachweisen, dass nicht eine Ablöse des Traditionellen durch das Moderne erfolgte, sondern ein Wechselspiel zwischen traditioneller und modischer Kleidung den Markt bestimmt.

Die Geschichte sogenannter traditioneller industrieller Stoffdrucke in Ghana, der Wax-Prints, beginnt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie ist das Resultat transnationaler und kolonialer Verbindungen. Niederländische Fabrikanten versuchten Mitte des 19. Jahrhunderts, die in Java händisch hergestellten Batiken in den Niederlanden industriell zu reproduzieren. Die industriellen Kopien reichten aber nie an die exakte Farbgebung der javanischen Batiken heran.

Deshalb konnten sie den indonesischen Markt auch nicht erobern. Auf ihrem Weg dorthin machten die mit Stoffen beladenen niederländischen Schiffe auch an den Handelsniederlassungen der Goldküste - des heutigen Ghanas - halt und fanden großen Anklang. Prompt verlagerten die niederländischen Fabrikanten ihren Fokus auf die Goldküste und stimmten Farben und Muster der Stoffe auf die ästhetischen Erwartungen der dortigen Käuferinnen und Käufer ab.

Bis zur Unabhängigkeit Ghanas 1957 waren Wax-Prints bereits über Ghana hinaus beliebt und charakteristisch für die Region. Der unabhängige Staat bemühte sich schnell um eine eigene Textildruckindustrie. Mit der Gründung von Ghana Textile Print 1966 kam man diesem Ziel näher. Es folgten weitere Stoffdruckereien. Tradition wurde über Kleidung definiert. Wax-Prints entwickelten sich neben den in Ghana handgewobenen wertvollen Kente-Stoffen zu einem Aushängeschild nationaler Identität, die von Frauen repräsentiert wurde.

In den 1960er-Jahren veränderte sich auch die Verarbeitung von Wax-Prints. Lokale Schneiderinnen und Schneider begannen, die Stoffe zu dreiteiligen Sets aus einem langen Rock (Slit), einer jackenähnlichen Bluse (Kaba) und einem Extrastück Stoff, das um die Körpermitte gewickelt wird, zu nähen.

In sich häufig ändernden Schnitten werden seit den 1960ern die traditionellen Wax-Prints zu modischer Kleidung verarbeitet. Bilder von Frauen aus ghanaischen Wochenzeitschriften belegen, wie rasch wechselnde globale Moden das angeblich Traditionelle mitgestalten.
Wax-Prints und ihre Verarbeitung waren also nicht immer traditionell ghanaisch. Erst durch ihre Anpassung an lokale Kontexte und die ästhetischen Bedürfnisse der Trägerinnen und Träger konnten sie als etwas charakteristisch Ghanaisches konstruiert und angeeignet werden.

Auch traditionelle Kleidung ist darum - egal wo - nichts Statisches oder Unveränderbares, sondern konstantem Wandel unterworfen. Dieser Wandel, und mit ihm der verborgene Bezug auf lokale wie globale Moden, lässt sich anhand der Wax-Prints nachzeichnen. (Silvia Ruschak/DER STANDARD, Printausgabe 06.08.2008)

 

Zur Person

Silvia Ruschak (29) studierte an der Universität Wien Geschichte und Anglistik. 2005 nahm sie am Post-Graduate-Programm der Netherlands Research School of Women's Studies in Utrecht teil. In Ghana, Großbritannien und den Niederlanden trug sie Quellen für ihre Dissertation zusammen, die sie nun als Assistentin am Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien schreibt: "Machtvolles Kleiden. Frauen in Südghana machen globale Kleidungsgeschichte."

  • Silvia Ruschak
    Ruschak, Universität Wien

    Silvia Ruschak

  • Vielfältige modische Kleidungsschnitte: Frauen in Wax-Prints bei einer Verlobungsfeier im Süden Ghanas.
    Ruschak, Universität Wien

    Vielfältige modische Kleidungsschnitte: Frauen in Wax-Prints bei einer Verlobungsfeier im Süden Ghanas.

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