Hans Meyer gilt als einer der großen Taktikfüchse des deutschen Fußballs. Ein Gespräch über die Relativität von Spielsystemen, die DDR-Fußballschule und zu tief stehende Österreicher
ballesterer fm: Eine interessante Europameisterschaft liegt hinter uns. Was waren die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie daraus gezogen haben und wie viele Spiele haben Sie gesehen?
Hans Meyer: Fast alle. Bei drei Spielen war ich im Stadion, leider waren es mit die schlechtesten. Ich habe Österreich gegen Deutschland miterlebt, den Nichtangriffspakt zwischen Kroatien und der Türkei sowie das Viertelfinale Spanien gegen Italien, wo sehr viel Neutralisation und Inaktivität seitens der Italiener dabei war. Allgemein habe ich diese Europameisterschaft bei sehr, sehr vielen Spielen richtig genossen. Ich kann mich an kein Turnier erinnern, das in der Vorrunde so wenig von Taktieren bestimmt war wie dieses. Vielleicht hat dieser Trend damit zu tun, dass die Favoritenrollen bei einer EM nicht so klar verteilt sind. Bei einer WM werden die Außenseiter, auch wenn der Trainer noch so moderne Auffassungen von Fußball vertritt, nicht vorne draufgehen und früh attackieren, sondern es - wie Österreich übrigens - eher vorsichtig angehen.
Sie sprechen das letzte Gruppenspiel bei diesem Turnier gegen Deutschland an?
Da war ich ein bisschen enttäuscht. Österreich hatte sich dank des späten Tores gegen Polen eine zu diesem Zeitpunkt nicht mehr erwartete Möglichkeit erspielt. Gegen Deutschland wirkten sie mir zu wenig risikobewusst. Was sie mit dieser Spielweise, die Mannschaft in der eigenen Hälfte so massiv aufzustellen, bewirken wollten, war natürlich klar. Josef Hickersberger ist klug genug, um zu wissen, dass diese deutsche Mannschaft, wenn es eng ist, immer mehr Probleme haben wird als Spanien, Portugal oder auch Kroatien. Als Österreicher wäre ich nach dem Spiel aber trotzdem nach Hause gegangen und hätte gesagt: Diese Deutschen, die heute so k. o. wirkten, denen hätten wir doch mit ein bisschen mehr Krawall ordentlich Probleme bereiten können.
Führen Sie das auf die Taktik oder die Einstellung der Spieler zurück?
Das ist etwas, das ich trotz meiner langjährigen Erfahrung nie sicher sagen kann und wo die Presse oder die Leute am Stammtisch den Spielern und dem Trainer sehr oft Unrecht tun. Du weißt, du willst den Deutschen keinen Raum geben, und alle beteiligen sich vorbildlich an der Abwehrarbeit. Aber wenn wir uns das noch einmal auf Video anschauen würden, könnte ich euch zeigen, dass so weites Zurückweichen gar nicht nötig ist. Das deutsche Team steht beim Spielaufbau hinten mit vier Mann leicht versetzt in der letzten Reihe, Ballack kommt noch als Fünfter dazu. Dann schwenkt die Kamera, und hinter Ballack taucht ein einziger Österreicher auf. Der Rest steht extrem tief. Den Raum hätte man enger machen können, indem man alles ein Stück nach vorne schiebt.
Wie wichtig sind Spielsysteme für Sie als Trainer? Würden Sie sich als Systemfanatiker bezeichnen?
Nein. Es hat im Fußball lange Zeit immer wieder grundlegende Veränderungen gegeben. Die gibt es seit Jahren gar nicht mehr. Für mich sind bestimmte Aufstellungen wie 4-4-2, 4-5-1, 4-3-3 oder 4-2-4 Momentaufnahmen. Viel wesentlicher ist, warum man welches System spielt. Es geht immer darum, dass man bei Ballbesitz gut aufgestellt ist und nach Möglichkeit ohne großen Aufwand Räume besetzen kann. Die Erfinder des Fußballs sind sehr zeitig drauf gekommen, dass für einen guten Spielaufbau immer die Menge der jeweiligen Dreiecke, die die Mannschaft bildet, verantwortlich ist.
Welches System hat es Ihnen am meisten angetan?
Das holländische 4-3-3, das ich in Gladbach, bei Hertha und in Nürnberg habe spielen lassen. Es gibt kein anderes System, in dem sich so einfach und beliebig Dreiecke bilden lassen. Man erhält mit der Grundaufstellung ein fantastisches Konzept, in dem die Aufgaben für den jeweiligen Spieler ziemlich klar sind. Wann er zu spielen hat, wo er einzurücken hat, aber auch, wie er relativ schnell auf seine Position zurückkehrt. Johan Cruyff hat dieses System bei seinen wenigen Trainerstationen fantastisch praktiziert. Bei Barcelona hatte man auch gegen Klassemannschaften das Gefühl, sie hätten zwei Mann mehr auf dem Platz. Für mich ist das System aber immer nur eine Grundvorgabe, die sich im Spiel sehr oft überholt. Wenn man wie Jogi Löw mit vier Verteidigern spielt und trotzdem aktiv sein will, und der Gegner kommt nur mit einer Spitze, dann müssen die Verteidiger aufrücken und durchdecken. In diesem Augenblick hast du eine Situation, in der du eigentlich nur mit zwei Mann hinten spielst. Das zeigt, wie häufig ein theoretisches System im Spiel nicht funktioniert, weil man darauf reagieren muss, was die Situation hergibt, was der Gegner macht. Durch diese Faktoren kann das, was man sich vorgenommen hat, an einem bestimmten Tag bedeutungslos werden.
Worin sehen Sie die Vorteile des 4-3-3 holländischer Prägung?
Ich würde dieses System im Nachwuchsbereich stark fördern. Das gilt für Österreich, für die Schweiz, für Deutschland. Das Positive daran ist die Raumaufteilung. Im 4-3-3 ist die Position des zweiten Innenverteidigers im Gegensatz zum 4-4-2 eine kreative, der nicht hauptsächlich Abwehraufgaben zufallen. Danny Blind aus der legendären Ajax-Elf hat zwar auch solche Aufgaben erfüllt, indem er vor der Abwehr Räume dichtgemacht und Abspiele verhindert hat, wichtiger war er aber für die Spieleröffnung. Daneben gibt es drei Stürmer, zwei davon mit Fähigkeiten, die nur der Straßenfußballer entwickelt hat - also dribbeln und tricksen. Man hat also in der wichtigsten Trainingseinheit der Woche, dem Spiel, pro Mannschaft einen Kreativen und einen Stürmer mehr. Und jetzt kommts: In Deutschland sind es wahrscheinlich 50.000 Mannschaften, die jedes Wochenende spielen. Es wären also 100.000 Spieler mehr, die an kreativen Positionen werken. Als ich dieses System in Holland in kleinen Mannschaften gesehen habe, hat es mich begeistert. Allerdings setzt es voraus, dass sich Leute wie Rinus Michels Gedanken gemacht haben, wie man den Straßenfußball in die neue Zeit mitnehmen kann. Mehr als irgendwo sonst setzen die Holländer daher auf Spieltraining, von unten bis oben.
Auf welche Weise trainieren Sie Taktik? Haben Sie eine spezielle Methode, zeigen Sie ihr System an der Tafel?
Tafel natürlich, Tafel sowieso, obwohl meine Zeichnungen immer richtig beschissen waren. Außerdem gibt es Videoauswertungen von jedem Spiel. Meine wichtigste Trainingseinheit bei einem normalen Rhythmus - also ohne Spiele während der Woche - ist seit Jahren ein elf gegen elf. Das 4-3-3 vom Wochenende spielt die Mannschaft dann mit Unterbrechungen auch im Training. Man darf nicht zu viel unterbrechen, nur an bestimmten Stellen - für das Verschieben, das Ballzirkulieren, das Spiel in die Tiefe, für die Laufwege, bei gravierendem Fehlverhalten. Ich lasse die Mannschaft in der Aufstellung für das Wochenende spielen, in drei Dritteln, damit man austauschen kann und dem einen oder anderen Spieler signalisiert, er könnte auch dabei sein. Dazu kommt, dass ich das isolierte Üben von Standards für sehr problematisch halte, weil die Abwehrspieler mit dem Herzen nie voll dabei sind. Wenn man aber elf gegen elf spielt, lässt sich jede Standardsituation außer den Einwürfen dreifach ausführen. Damit wird es ein spielnahes Training und eine bessere Simulation.
Sie haben gesagt, die großen Revolutionen im Fußball würden der Vergangenheit angehören. Wo könne Sie dennoch Veränderungen festmachen?
Wenn ich die Werte der Spieler aus meiner Zeit bei Jena nehme - Laufschnelligkeit über verschiedene Distanzen, Sprungkraftmessungen, Laktatwerte - und sie mit aktuellen Daten vergleiche, gibt es kaum Unterschiede. Aber schauen Sie sich die Spiele meiner Mannschaft von damals an. Das ist wie Zeitlupe. Die Voraussetzungen waren da, es ist aber viel sinnlos gelaufen worden. Heute herrscht bei Ballannahme, -verarbeitung und -weitergabe eine unglaubliche Zeit- und Raumknappheit - das ist der gravierende Unterschied. Besonders krass war es beim 0:0 im Champions-League-Finale 2003 zwischen AC Milan und Juventus Turin. Alles hat sich in einer kleinen Zone des Feldes abgespielt, es gab sehr viele Ballverluste. Wenn man in so einem Spiel den Ball verliert, hat man beim Versuch, ihn zurückzuerobern, natürlich auch wieder einen deutlich kürzeren Weg. Es passieren viele kurze, schnelle Dinge in einer extrem hohen Intensität.
Wie haben Sie den internationalen Fußball zu DDR-Zeiten rezipiert - angesichts der politischen Situation und der aus heutiger Sicht rückständigen Technik?
Im Gegensatz zu vielen Auffassungen konnten wir zwischen Politik und dem, was im Fußball passiert ist, sehr gut trennen. Wir waren über den kicker und andere Fachzeitschriften sehr gut informiert und haben auch beim Fernseher nicht seitlich an der Leier gedreht. Die Sportsendungen in der DDR waren teilweise sehr ausführlich und auch qualitativ in Ordnung. Der kicker wurde zwar nicht vertrieben, in der Unibibliothek des Sportinstituts gab es aber einen Raum, wo man an Produkte aus dem Westen herangekommen ist. Zudem sind wir sehr viel herumgekommen, wir waren im Jahr drei-, viermal im westlichen Ausland und haben von dort immer Fachzeitschriften mitgebracht. Der Grenzer hat da schon mal ein Auge zugedrückt. Den Porno hat er dir abgenommen, weil er ihn selbst angucken wollte. Den Kicker konntest du behalten.
Gab es so etwas wie eine DDR-Fußballschule?
Ja, wobei ich schon damals große Bedenken hatte, ob wir wirklich alles richtig machen. Der Fußball wurde in unserer gesamten Trainingsmethodik immer zu sehr als Ausdauersport behandelt. Aber alles, was im Fußball an Entscheidendem passiert, hat etwas mit Schnelligkeit zu tun - mit lokomotorischer Schnelligkeit, mit Schnellkraft, mit schnellem Denken. Dass wir mit Lauftrainingslagern, mit Laufen ohne Ball gearbeitet haben, halte ich für eine ganz schlimme Sache. Dann haben wir noch einen zweiten groben Fehler gemacht. Mit Hilfe der deutschen Hochschule für Körperkultur wurde das Spiel in seine Einzelteile zerlegt. Wir haben gedacht, dass wir besser werden, wenn wir Athletik, individuelle Technik oder bestimmte taktische Fragen verbessern und wieder zusammenfügen. Nichts stimmt weniger als das. Die ganzheitliche Methode, das Spielen mit Korrekturen, ist das Wesentliche.
Was halten Sie von Menottis Ansichten zu rechtem und linkem Fußball? Statt dem Gewinnen alles unterzuordnen, ist es nach Menotti auch bedeutend, wie man ans Ziel gelangt.
Da liegt ein großes Streitpotenzial drinnen. Wenn man Kinder hat, möchte man sie als soziale Menschen aufziehen, die etwas erreichen sollen, aber die ganzen Komponenten des Zusammenlebens nicht vergessen. Auf der anderen Seite werden sie sich, wenn man das zu vordergründig macht, in unserer Ellenbogengesellschaft schlecht zurechtfinden. Nicht viel anders ist es im Fußball. Man wird immer an den Resultaten beurteilt. Da kann auch Menotti nicht daran vorbei. Aber für mich ist Erfolg und die Art und Weise, wie man ihn erreicht, kein Widerspruch. Ich will unnötige Ballverluste vermeiden, damit wir nicht permanent dem Ball hinterherjagen müssen. Insofern sehe mich schon eher auf Menottis Seite als auf der anderen, die ja auch miteinschließt, dass ich jemandem das Bein brechen würde, um zu gewinnen. Bis zu dieser Konsequenz gehe ich nicht, und das habe ich meinen Spielern auch immer vermittelt.
Sehen Sie sich am Ende ihrer Karriere angelangt oder gibt es noch Herausforderungen, denen Sie nicht widerstehen könnten?
Aber ich habe mir die Latte so hoch gelegt, als hätte ich bisher nur Welt- oder Europameister trainiert. Einige Vereine sollten sich, wenn sie vernüftig sind, nicht an Hans Meyer wenden.
Um mit Toni Polster zu sprechen: Nach Meppen würden Sie also nicht fahren?
Genau.
Und wie wäre es mit Wien? Hätten Sie sich vorstellen können, österreichischer Teamchef zu werden?
In dieser Phase sicher nicht. Aber der Job des österreichischen Nationaltrainers ist eine hochinteressante Aufgabe.
Gab es eine Anfrage des ÖFB? Ihr Name war ja in diversen Zeitungen
aufgetaucht.
Sie wissen doch, wie so etwas entsteht. Da haut jemand einfach irgendetwas raus. Es gab keine Anfrage.
Das Interview führten Wenzel Müller und Reinhard Krennhuber für ballesterer fm.