K2-Überlebender: Klimawandel macht den Berg gefährlich

4. August 2008, 18:48
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Das Drama auf dem K2 könnte eine Folge des Klimawandels sein: Die unüblich hohen Temperaturen verändern den Anblick der Berge und machen Eislawinen wahrscheinlicher

Islamabad - Die Eislawine auf dem K2 hat am Wochenende vermutlich nicht elf, sondern zwölf Bergsteiger das Leben gekostet. Ein an der Hand verletzter Italiener versuchte im Laufe des Montags noch mit Hilfe eines amerikanischen Bergsteigers und zweier Sherpas ins Basislager zurückzukommen.

Sonst dürfte es keine Überlebenden mehr am Berg geben, erklärte der als "Skyrunner" bekannte steirische Extremkletterer Christian Stangl im Satellitentelefon-Interview mit dem Standard: "Die Stimmung im Basecamp ist am Boden, jedes Team hat ein bis zwei Tote. Die Bergsteiger verlassen fast fluchtartig das Lager. Ich habe mich auch entschlossen heimzufahren, ein neuerlicher Speed-Versuch freut mich nicht mehr."

Am Samstag hatte eine Eislawine auf 8200 Metern mehreren Alpinisten den Rückweg abgeschnitten. Eine zweite hatte dann einige Kletterer in die Tiefe gerissen, als sie einen anderen Abstiegsweg suchten.

Stangl und sein Partner Thomas Strausz befanden sich zum Zeitpunkt des Unglücks eine Stunde unterhalb des Dramas, hatten also riesiges Glück. "Die Route ist total gefährlich geworden, du gehst unter einem Damoklesschwert. Der 'Flaschenhals' schaut heuer ganz anders aus: Die Klimaveränderung hat deutliche Spuren hinterlassen", berichtet Christian Stangl.

Auslöser: Klimawandel


Der Bergführer Walter Laserer vom Gosauer Trekking- und Expeditionsveranstalter "Laserer-Alpin" hat ähnliche Beobachtungen heuer auch am Mount Everest gemacht: "Der Grat zum Everest hinauf vom Südgipfel aus war früher ein feiner Schneegrat. Heute ist das schon zum Teil Blockgelände." Schuld daran - und vermutlich auch an den Eislawinen am K2 - sind für die Alpinisten die unüblich hohen Temperaturen in den Himalayabergen: Dadurch erhöhe sich das Risiko in den extrem steilen Hängegletschern zusätzlich.

"Es war heuer mit einem Unglück am K2 fast schon zu rechnen, bei so vielen gleichzeitig aufsteigenden Expeditionsgruppen. So viele Leute zur selben Zeit an einem so schweren Berg, da musste etwas passieren", spricht Laserer über "düstere Vorahnungen".

Freilich ist der vom Mount Everest mittlerweile bekannte, sogenannte "Achttausender-Tourismus" am K2, dem mit 8611 Metern zweithöchsten Berg der Welt, normalerweise nicht üblich. Der "Kristall" gilt als zu schwierig und zu schwer zugänglich.

Eine mögliche Erklärung für den momentanen Run auf den K2 könnte aber sein, dass die pakistanische Regierung die Gebühren dieser Gipfelkategorie zuletzt stark heruntergesetzt hat - auf etwa 10.000 Euro pro Bergsteiger und Gipfel: Die Terrorgefahr hatte zu viele Kletterer abgeschreckt. Der Achttausender-Tourismus soll schwere Einbußen erlitten haben.

Massentourismus


Darüber hinaus dürfte der Mount Everest mit seinen Massenbesteigungen und den wilden zwischenmenschlichen Geschichten und Dramen, die sich am Berg und in den Camps abspielen sollen, für Bergsteiger, die "echte" Extrem-Situationen suchen, nicht mehr so interessant sein. Und: Der Everest ist technisch weit weniger anspruchsvoll als der K2. Allerdings ist der K2 heuer auf der Route der Erstbesteiger von 1954 (Achille Compagnoni und Lino Lacedelli) an allen schwierigen Stellen mit Fixseilen gesichert worden. Das lockt Alpinisten aus aller Welt an.

Laut Christian Stangl war eine Gruppe Koreaner zur gleichen Zeit wie er am Berg. Die Koreaner sollen "nicht gerade den konditionsstärksten und technisch versiertesten Eindruck" gemacht haben: Amateurhafte Vorbereitung und unseriöse Anbieter sind im Himalaya immer öfter anzutreffen sein, heißt es. Den K2, betont Expeditionsorganisator Walter Laserer, böten Veranstalter wie er aber aus gutem Grund nicht an. Den Everest schon: "Ich schaue mir die Leute vorher genau an. Und die Tour kostet dann ungefähr 45.000 Euro." (Martin Grabner/DER STANDARD-Printausgabe, 5.8.2008)

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    "Skyrunner" Stangl (vor dem Mount Everest): "Jedes Team hat Tote zu beklagen."

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    8611 Meter und potenziell lebensgefährlich: Nahezu jeder vierte Versuch, den K2 zu bezwingen, endet tödlich.

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