Italien: Teurer Bluff

4. August 2008, 18:27
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Die Regierung gibt, was sie mit der anderen Hand nimmt - von Gerhard Mumelter

Sie wurden am Montag unfreiwillig zu den Helden der Nation: zwei Soldaten mit geschultertem Gewehr, die bei 38 Grad in voller Uniform an einer Straßenkreuzung neben der Lateranbasilika ausharrten, gerieten zum Lieblingsobjekt der Fotografen. Was oder wen sie bewachten, schien völlig nebensächlich. Vergeblich hatten Fotografen am Kolosseum und am Circus Maximus auf den angekündigten Aufmarsch der Soldaten gehofft. Roms Bürgermeister Gianni Alemanno will jetzt plötzlich von einer "Militarisierung der Hauptstadt" nichts mehr wissen.

Dass die Heerespatrouillen durch die italienischen Großstädte kaum Sinn machen, bestreiten in Italien wenige. Es handelt sich um einen demagogischen Kraftakt, mit dem Silvio Berlusconi sein Wahlversprechen untermauern will, für mehr Sicherheit zu sorgen. Dabei ist der seit Wochen gepriesene Einsatz des Heeres nichts weiter als ein teurer Bluff. Dass er 62 Millionen Euro verschlingt, wird von den Polizeigewerkschaften mit Wut registriert. Denn gleichzeitig verweigert die Regierung 1500 bereits ausgebildeten Polizisten aus Kostengründen die Anstellung.

Die Regierung gibt also, was sie mit der anderen Hand nimmt. Und erst vor wenigen Tagen hatten Italiens Polizeigewerkschaften gegen "unverantwortliche Budgetkürzungen" protestiert. Auf Effizienz hat der italienische Staatsapparat noch nie Wert gelegt. Eine "schizophrene Haltung" , wie ein Polizeigewerkschafter sagte. Nur: in einer TV-Gesellschaft wie der italienischen zählen die Fernsehbilder zweier bewaffneter Soldaten auf der Piazza San Giovanni allemal mehr als einleuchtende Argumente. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2008)

 

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