Im Wahlkampf kinderlieb

4. August 2008, 18:19
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Politiker begeben sich in Kindergärten und überbieten einander mit Ideen, die noch vor vier Wochen undenkbar schienen

Politiker begeben sich in Kindergärten, sorgen sich wortreich um die Zukunft der Jüngsten und überbieten einander mit Ideen, die noch vor vier Wochen undenkbar schienen: Kein Zweifel, Österreich ist mitten im Wahlkampf. Und wenn die SPÖ in Person des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl so weit geht, die Schulpflicht um ein Jahr vorverlegen zu wollen, darf die ÖVP nicht nachstehen: Sie kontert mit der Forderung nach einem verpflichtenden Gratis-Kindergartenjahr für die Fünfjährigen. Auf eine inhaltliche Debatte darf bis zum 28. September nicht gehofft werden, denn, da hat Häupl recht, Wahlkampf ist eine "Zeit fokussierter Unintelligenz". Er selbst leistete gleich einen profunden Beitrag, indem er stichelte, er finde es wunderbar, dass VP-Chef Molterer auf seiner Linie sei.

Tatsächlich hat die ÖVP, so sie es ernst meint, einen durchaus großen politischen Schwenk vollzogen. Denn die Forderung nach einem Gratis-Kindergartenjahr bedeutet letztlich, dass sogar die konservativsten Kinder-Küche- Kirche-Vertreter einsehen, dass berufstätige Frauen keine Rabenmütter sind und Kinderbetreuung nicht des Teufels ist. Vor gut einem Jahr war das, beispielsweise in Oberösterreich, noch ganz anders: Da wollten die Grünen die Pflicht (und das Recht) auf Kindergarten gesetzlich verankern - und scheiterten an der ÖVP.

Da also mindestens zwei große Parteien für mehr und qualitätsvollere pädagogische Kinderbetreuung sind, darf gehofft werden, dass diese nach der Wahl auch tatsächlich realisiert wird. Vorausgesetzt, die ÖVP vergisst ihre Wahlversprechen nicht so schnell wie die SPÖ die ihren beim letzten Mal. (Petra Stuiber, DER STANDARD-Printausgabe, 5. August 2008)

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