Eine Stimme von Weltgeltung

4. August 2008, 17:53
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Am Sonntag starb Alexander Solschenizyn - Der russische Literatur­nobelpreisträger, der eine kritische Geschichte der Sowjetunion schrieb, war eine Stimme von Weltgeltung

S 854: Diese Nummer, die der Häftling Iwan Denissowitsch Schuchow trägt, ist so etwas wie die Chiffre für die sowjetischen Straflager geworden. S 854 steht für die brutale Entmenschlichung, der Alexander Solschenizyn ausdrücklich den Eigennamen im Titel seines ersten Romans entgegensetzte: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch. Ein Tag im Leben eines Menschen, der zum Opfer eines politischen Terrorsystems geworden war, von seiner Frau getrennt, aus dem Berufsleben gerissen, zu Fron und endlosem Hunger verurteilt.

Dass dieser Text 1962 in der Literaturzeitschrift Nowy Mir erscheinen konnte, war einer kurzen Phase der Lockerung in der sowjetischen Politik zuzuschreiben. Unter Generalsekretär Nikita Chruschtschow begann die KPdSU mit einem vorsichtigen Prozess der "Entstalinisierung" . Dabei konnten auch zum ersten Mal die zahlreichen Verbrechen zur Sprache kommen, derer sich Stalin und sein Apparat gegen die eigene Bevölkerung schuldig gemacht hatten.

Iwan Denissowitsch war der Stellvertreter von Millionen, Solschenizyn wusste, wovon er schrieb: Er war selbst 1945 verhaftet und wegen Kritik an Stalin in ein Lager nach Sibirien, später nach Kasachstan gebracht worden. Seine Haft hat er nach der Freilassung im Jahr 1953 und der offiziellen Rehabilitierung 1957 zu einem literarischen Werk verarbeitet, das noch ganz traditionellen literarischen Formen verhaftet war: Im Mittelpunkt stand ein Individuum, in dessen Erfahrungen sich die größere Geschichte widerspiegelte.

Das Werk, mit dem Alexander Solschenizyn schließlich Epoche machte, weitete den Blick auf das Kollektiv der Opfer, auf das System der Entrechtung: Der Archipel Gulag trug im Titel die Bezeichnung eines Inselreichs aus Lagern, das "von der Beringstraße bis fast zum Bosporus" reichte und in dem zahllose Menschen spurlos verschwanden.

Opfer der Sowjet-Geschichte

Der Untertitel des Buchs lässt den ganzen Ehrgeiz erkennen, mit dem Solschenizyn hier zu Werke ging: 1918-1956. Versuch einer künstlerischen Bewältigung. Nicht weniger als eine kritische Geschichte der Sowjetunion aus der Perspektive ihrer Opfer stand hier auf dem Spiel, und damit die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Denn Stalin hatte zu den Siegern des Jahres 1945 gezählt, zu den Überwindern des Faschismus, während Solschenizyn schrieb: "Nicht für uns war jener Sieg. Nicht für uns jener Frühling."

Auch das Tauwetter nach Stalins Tod dauerte nicht lange genug, um Solschenizyn eine Veröffentlichung seines Hauptwerks zu ermöglichen. Der Archipel Gulag erschien 1974 in Paris und kursierte in der Sowjetunion nur im Untergrund. Den Literaturnobelpreis 1970 erhielt Solschenizyn seiner autobiografisch inspirierten frühen Erzählwerke (Matrjonas Hof, 1963; Krebsstation, 1968) und seines Status als Dissident wegen. Der Archipel Gulag aber machte ihn zu einer Stimme von Weltgeltung.

An der Haltung zu diesem Buch entschied sich in der späten Phase des Kalten Kriegs, ob Intellektuelle in der Lage waren, der Versuchung des linken Totalitarismus abzusagen (wofür André Glucksmann und andere Neue Philosophen in Frankreich standen, aber auch Rudi Dutschke in Deutschland). Für Solschenizyn hatte die Publikation im Westen einschneidende Folgen. Er wurde aus der Sowjetunion ausgewiesen und verbrachte nach seiner Ankunft in Deutschland erst einmal einen Tag mit Heinrich Böll.

Später ließ er sich in Vermont nieder, wo er sich seinem zweiten literarischen Lebensprojekt widmete, einer umfassenden (Vor-)Geschichte der russischen Revolution 1917, von der 1987 unter dem Titel Das rote Rad der überarbeitete erste Band erschien.

Verachtung des Westens

Nach dem Zerfall der Sowjetunion und des kommunistischen Blocks veränderten sich die Bedingungen für die Rezeption Solschenizyns grundlegend. Er wurde nun zunehmend auch als Schriftsteller gelesen und kritisiert, so beschrieb Sonja Margolina seinen "Anspruch auf sprachliche Einzigartigkeit" als "Beschönigung einer intellektuellen Verlegenheit" . Solschenizyn machte es auch seinen Anhängern nicht immer leicht, weil er aus seiner Verachtung für den westlichen Lebensstil kein Hehl machte.

1994 kehrte er nach Russland zurück, geprägt von nationalkonservativen Ideen und zunehmend auch der Hoffnung auf ein Wiedererstarken des orthodoxen Christentums. In dem zweibändigen Werk Zweihundert Jahre gemeinsam versuchte er, das russisch-jüdische Verhältnis während der letzten zwei Jahrhunderte zu analysieren und dabei auch den immer wieder gegen ihn geäußerten Vorwurf des Antisemitismus zu entkräften. Er verstrickte sich aber nur noch tiefer in Klischees: Die Rolle der Juden in der Revolution bereitete ihm Kopfzerbrechen, während er bei der orthodoxen Kirche große Nachsicht walten ließ.

Paradoxerweise verdankte Alexander Solschenizyn sein Überleben in den 50er-Jahren einer Krankheit: Er wurde wegen Krebs operiert, die Behörden hatten ihn schon aufgegeben. Ihm blieb mehr als ein halbes Jahrhundert, das er wesentlich mitgeprägt hat. Am Sonntag ist Solschenizyn 89-jährig in Moskau an Herzversagen gestorben. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 05.08.2008)

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    "Nicht für uns war jener Sieg. Nicht für uns jener Frühling." Solschenizyns Hauptwerk "Der Archipel Gulag" konnte nach Stalins Tod in Russland nicht erscheinen. Nach der Veröffentlichung in Frankreich wurde Solschenizyn aus der Sowjetunion ausgewiesen.

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