Wieder jagen Fahnder deutsche Steuersünder

4. August 2008, 18:47
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Dokumente aus Liechten­stein sorgen unter deutschen Steuersündern erneut für Panik. Darauf sollen sich brisante Daten der Liechtensteinischen Landesbank befinden, hauptsächlich von Ärzten

Berlin - Diesmal ist es keine geheim kopierte CD-Rom, die wohlhabende Deutsche mit einem Konto in Liechtenstein zittern lässt, sondern ein Berg an Papier. Rund 600 kopierte Blätter mit Daten von voraussichtlich mehr als 1800 deutschen Kunden der Liechtensteinischen Landesbank (LBB) hat die Staatsanwaltschaft in Rostock übergeben bekommen. Darauf feinsäuberlich vermerkt: Depotnummern, Zinsen, Namen und Anschriften der Kunden. In manchen Depots befänden sich sechs-, aber auch siebenstellige Euro-Beträge, bei einer ersten Durchsicht könnten sich die Vermögenswerte insgesamt auf drei Milliarden Euro belaufen, erklärte Oberstaatsanwalt Peter Lückemann am Montag.

Durch diesen Berg von Papier wühlen sich jetzt die Steuerfahnder und prüfen, ob die aufgeführten Beträge "steuerlich erklärt" worden sind. Wenn dies nicht der Fall ist, dann wird ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) berichtet, viele der Kontoinhaber wohnen im Rheinland und in Süddeutschland, bei zahlreichen LLB-Kunden handle es sich um Ärzte.
Somit richtet sich der Blick der deutschen Steuerfahnder zum zweiten Mal binnen eines halben Jahres ganz gezielt auf den Zwergstaat im Süden Deutschlands. Im Februar hatte ja ein Steuerskandal Deutschland erschüttert, der durch die "Affäre Zumwinkel" ausgelöst worden war. Gegen den ehemaligen Chef der Deutschen Post, Klaus Zumwinkel, wird wie gegen hunderte andere Deutsche ermittelt, weil sie über Liechtensteiner Stiftungen Gelder am deutschen Fiskus vorbeigeschleust haben sollen. Ausgelöst wurden die Ermittlungen damals durch eine geheim kopierte Datensammlung der fürstlichen LGT-Bank, die der deutsche Bundesnachrichtendienst für 4,2 Millionen Euro gekauft hatte.

Im Plastiksack ins Gericht

Diesmal ging es billiger. Den Haufen an kopiertem LLB-Papier transportierte die Hamburger Rechtsanwältin Leonore Gottschalk-Solger in einem schwarzen Plastiksack ins Rostocker Landgericht - ganz und gar nicht geheim. Sie will auch kein Geld für den brisanten Inhalt. Vielmehr soll die Kooperation mit der Staatsanwaltschaft ihrem Mandaten Michael Freitag Strafmilderung bescheren.

Dieser steht in Rostock vor Gericht, weil er gemeinsam mit drei weiteren Angeklagten versucht haben soll, die LLB zu erpressen - mit eben jenen Kontodaten, die der mittlerweile wegen Erpresserei verurteilte ehemalige LLB-Mitarbeiter Roland Lampert zwischen 2000 und 2003 heimlich kopiert hatte. Wie Lamperts "Schatz" an Freitag gelangte, ist unklar. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) spekuliert, dies könnte in der Zeit nach 2003 passiert sein, als Lampert eine Zeitlang im oberösterreichischen Garsten einsaß, weil in Liechtenstein kein Gefängnisplatz frei war.

Jedenfalls wird nun auch Freitag vorgeworfen, er habe die Daten zu Geld machen wollen, indem er die LLB erpresste und 13 Millionen Euro in drei Raten forderte. Laut Staatsanwaltschaft hat die Bank die ersten beiden Raten (neun Millionen Euro) auch bezahlt. Dann aber ging Freitag der Polizei ins Netz.

Laut Nachrichtenmagazin Spiegel haben die 600 Blatt Papier nicht nur viele deutsche Steuersünder völlig überrascht und in Panik versetzt, sondern auch die LLB-Bank. Diese nämlich habe noch vor kurzem dem Landgericht Rostock erklärt, sie verfüge mittlerweile wieder über den kompletten Datensatz der bis 2003 heimlich kopierten Konten. Woher Anwältin Gottschalk-Solger die Papiere hat, sagt sie nicht. Erfreut ist der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), der nun auf neuen Geldsegen hofft. Denn im Fall der LGT-Bank zahlten der Steuerhinterziehung Verdächtigte bis jetzt 110 Millionen Euro Steuern nach. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2008)

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    Viele Deutsche haben großes Geld ins kleine Land Liechtenstein gebracht. Ob dabei in der Liechtensteinischen Landesbank alles mit rechten Dingen zuging, prüfen jetzt deutsche Steuerfahnder.

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