Ein Falke, aber kein Putschist

4. August 2008, 17:47
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Der neue türkische Generalsstabchef Ilker Basbug ist ein Nato-Mann und Europäer

Seit gestern steht für den türkischen Premier Tayyip Erdogan der neue Oppositionsführer fest: Ilker Basbug, bisheriger Chef des Heeres, wird neuer Generalstabschef. Er wird Ende August Yasar Büyükanit ablösen, der aus Altersgründen aus dem Amt scheidet. Der 65-jährige Basbug wird nach den Altersregelungen der türkischen Armee zwei Jahre im Amt bleiben.

Für diese Zeit kann Erdogan sich auf einen Gesprächspartner einstellen, der konziliant im Ton, aber hart in der Sache sein wird. Basbug ist ein klassischer Karriereoffizier, der das kemalistische Selbstverständnis der türkischen Streitkräfte repräsentiert. Nachdem er vor zwei Jahren zum Chef des Heeres und damit zum zweiten Mann in der Armee ernannt worden war, hielt er im September 2006 vor der Kriegsakademie eine Rede, in der er zum Ärger der AKP-Regierung eindringlich vor der wachsenden islamischen Gefahr in der Türkei warnte. Wie Büyükanit wird Basbug weiterhin scharf auf die Einhaltung des Laizismus drängen und jeden Verstoß gegen die Trennung von Staat und Religion zumindest intern kritisieren.

Doch Basbug ist kein Putschist, sondern ein durch und durch westlich geprägter Militär. Als 2004 in Teilen der Armeeführung über einen Putsch gegen die AKP-Regierung nachgedacht wurde, soll Basbug zu den strikten Gegnern solcher Pläne gehört haben.
Er ging nach seiner Ausbildung an der Kriegsakademie zur Royal Academy in Sandhurst, der berühmtesten britischen Offizierskaderschmiede, und wurde danach im Nato Defense College in Rom getrimmt. Nach einem Zwischenspiel in der Türkei wurde er an das Nato Hauptquartier Shape in Mons bei Brüssel berufen, wo er jahrelang leitende Positionen bekleidete. Zurück in der Türkei, wurde er stellvertretender Generalsekretär des Generalstabes.

Der neue Generalstabschef ist aufgrund seiner Karriere nicht nur Militär, sondern auch ein wenig Diplomat. Er wird keinerlei Zweifel an der europäischen Ausrichtung der Türkei aufkommen lassen, was bei den Verhandlungen auf Zypern wichtig sein wird. Als Realist unterstützt er Reformen gegenüber der kurdischen Minderheit, weil ihm klar ist, dass die PKK sonst nicht zu besiegen ist.

Erst vor wenigen Wochen hat die islamistische Presse versucht, Basbug als Generalstabschef zu verhindern, indem sie ihn als verkappten Juden denunzierte. Es wurden Fotos von Basbug gedruckt, die ihn bei einem Staatsbesuch in Israel an der Klagemauer mit einem Käppi zeigten. Erdogan stellte sich gegen diese Kampagne und traf sich mit Basbug. Wahrscheinlich haben sich die beiden auf ihre künftige Arbeitsgrundlage verständigt. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2008)

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    Premier Erdogan mit dem alten Generalstabschef Büyükanit und seinem Nachfolger Basbug am
    1. August vor dem Atatürk-Mausoleum in Ankara.

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