Weltweiter Autoboom trotz Umbrüchen in den USA

4. August 2008, 18:26
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Weltweit dürfte der Auto­boom nicht abreißen, le­diglich die US-Auto­in­dus­trie mit ihren gefräßigen Modellen ist in der Sack­gasse. Indirekt ist das eine Chance für Österreichs Zulieferindustrie

Wien/Linz/Oberwaltersdorf - Zig Milliarden Dollar Verluste in nur drei Monaten, Rückfahren vieler Gewinnprognosen, auch bei den vermeintlich krisenresistenten Herstellern: Der schlechte Zustand, in dem sich einige große Automobilkonzerne derzeit befinden, bringt die heimische Zulieferindustrie zwar auch unter Druck: Doch manche Akteure sehen auch Chancen in der Krise versteckt.

Die Probleme der "Großen drei" in den USA - General Motors, Ford und Chrysler - "wird die Zulieferer in Europa sicher weniger betreffen" , glaubt Thomas Eder, Manager des Autoclusters Oberösterreich, einer Plattform für Projekte, Info-Austausch und gemeinsame Weiterbildung von rund 250 Betrieben ob der Enns (Ähnliches gibt es auch in der Steiermark mit dem Autocluster Styria sowie rund um Wien mit dem Auto Cluster Vienna Region). Die heimischen Zulieferer seien sehr stark im Werkstoffbereich, bei Kunststoffen und Metallen, und in Zeiten hoher Spritpreise "haben sie mit dem Trend zum Leichtbau gute Aktien" . Im Kostenwettbewerb mitzuhalten sei schwierig, entscheidend werde sein, ob man den Herstellerwerken "Innovationen aus eigener Kraft liefert".

"Homebase sichern"

Der globale Fahrzeugmarkt stehe alles andere als still, sagt Daniel Witzani, Sprecher des Magna-Konzerns in der Europa-Zentrale in Oberwaltersdorf südlich von Wien. Im Vorjahr wurden weltweit 72 Millionen Personenautos und leichte Nutzfahrzeuge gebaut. Prognosen gehen davon aus, dass es 2017 bereits rund 100 Millionen sein werden (siehe Grafik). "Doch das Wachstum spielt sich vor allem außerhalb der USA, Japans und Westeuropas ab" , sagt Witzani, "in China, Indien, Russland." Und dort müsse man als globaler Zulieferer dabei sein, "um Arbeitsplätze an der Homebase zu sichern".

Österreich sei für Magna ein Standort, wo Technologien entwickelt werden. Aber auch die Gesamtfahrzeugfertigung habe Zukunft, wenngleich nicht mehr im Massenmarkt wie früher, sondern mit teuren, technologieintensiven Nischenfahrzeugen. Magna hat heuer vier neue Aufträge vorgestellt: die Fertigung des Mini-Allradfahrzeuges, des Aston Martin Rapide (viertüriges Coupé, kommendes "James-Bond-Auto" ), des leichten Sportwagens Peugeot 308 RC sowie der Porsche-Modelle Cayman und Boxster (diesen Auftrag hat das Grazer Magna-Werk, wie berichtet, dem finnischen Auftragsfertiger Valmet, einem der schärfsten Konkurrenten, abgeluchst). In Nordamerika hingegen - 40 Prozent des Geschäfts macht der Frank-Stronach-Konzern dort - musste Magna auch schon Einschnitte bis hin zu Werksschließungen hinnehmen.

Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung, sieht auf Europas Autowerke und Zulieferer doch massive Veränderungen zukommen. So sei das Kölner Ford-Motorenwerk unter Druck, weil dort verbrauchsintensive Sechs-Zylinder-Motoren gefertigt werden. Die Nachfrage nach diesen geht mit dem Einbruch des US-Geländewagen-Marktes stark zurück. Beim BMW-Motorenwerk in Steyr sieht Helmenstein eine ähnliche Gefahr weniger, da die Oberösterreicher Spezialisten für verbrauchseffizientere Dieselmotoren sind. Das General-Motors-Werk in Wien-Aspern stehe ebenfalls relativ gut da, da die Nachfrage nach den dort gefertigten kleineren Motoren derzeit steige.

Was Helmenstein in der aktuellen Diskussion in Europa vermisst, ist die Sorge um Produktionsstandorte der Zukunft. Den aktuellen Hybridmotorenboom (Verbrennungs- und Elektroantriebe werden zusammengeschaltet) betrachtet er kritisch, die Brennstoffzelle und der Elektromotor hätten mehr Potenzial. Deswegen ergebe sich eine "enorme Investitionschance auch für Europa" - Helmenstein nennt die Region Österreich-Slowakei als Beispiel - bei Energiespeicherung und Kraftwerkstechnologie, "denn irgendwoher muss auch die Energie kommen. Autos wird es immer geben, nur eben mit einem anderen Antrieb." (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2008)

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