Gehauchte Mordabsicht

4. August 2008, 17:37
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Der Schwerpunkt zum Werk des Komponisten Salvatore Sciarrino bringt eine Prise Intimität: Die Oper "Luci mie traditrici" in der Kollegienkirche

Salzburg - Salvatore Sciarrinos oft wie hingetuschte Musik braucht eigentlich gar keine Themen und Stoffe. Wenn Sciarrino jedoch konkrete Texte vertont, vielmehr diese in fantasiereiche Klang(t)räume verwandelt, dann handelt es sich oft um Lyrik vorwiegend asiatischer oder altitalienischer Provenienz. Mit der Festspielauftragskomposition 12 Madrigali erklangen am Sonntagvormittag in der Kollegienkirche Haikus des japanischen Dichters Matsuo Basho (1644-1694), vom Komponisten selbst übersetzt. Es sind feinfühlige Naturbetrachtungen, die Sciarrino in feinziselierte Klanggebilde überträgt, angelehnt an die Madrigalkunst und Hoquetustechniken um 1600.

Sechs Haikus werden nach dem ersten Durchlauf nochmals gespielt, allerdings nun "unrein" gespiegelt, mit neuen Materialvariationen angereichert und erweitert. Immer wieder wehen Naturstimmen und -stimmungen herein: Man hört Vögel, Zikaden, Wind und Wellen - alles wie aus ferner, gleichsam gedämpfter Zeit. Während ein unruhiges Klangbett den nervösen Grundrhythmus vorgibt, mäandern und huschen die einzelnen Gesangsfiguren wie Gespenster durch den Raum. Das Ergebnis ist atemberaubend, da die Neuen Vocalsolisten Stuttgart vorzüglich präpariert sind.

In der akustisch äußerst problematischen Kollegienkirche sorgen Planen und ein großer Trichter für präzise Klangerlebnisse, nichts wirkt verwischt oder verwackelt wie in früheren Jahren. Der (ausverkaufte) Auftakt des "Kontinent Sciarrino" wurde vom Publikum zu Recht ausführlich bejubelt. Im Grunde wirkt dieser Sciarrino-Schwerpunkt nach der ersten lauten Salzburger Opernwoche so, als wollte man jener Hektik um Stars und jene, die man zu solchen machen will, etwas Subtilität und Stille entgegensetzen. Als wollte man zeigen, dass es abseits des Populistischen auch ein Salzburg gibt, das nur auf Substanz setzt.

Die Klangwelt Sciarrino ist zweifellos ein passender, raffinierter Kontrast. Sie kennt so viele Möglichkeiten, an das Tor der Stille zu klopfen, dass bei aller Reduktion, bei aller Verweigerung gegenüber der großen polternden Musikgeste, dennoch schillernde Spannung entsteht.

Über den Fürsten

Das ist im Musiktheatralischen nicht anders als im Instrumentalen. Bei Luci mie traditrici (Die tödliche Blume) klingt das delikate Klangforum Wien unter Dirigent Beat Furrer bisweilen, als würden nicht Instrumentalisten die Erzeugung von Klang besorgen, sondern sanfte Winde, die über und durch die Instrumente hindurchwehen. Aus dieser Sanftheit werden allerdings auratische Strukturen entwickelt, die sich einem brutalen Thema widmen. Das Musiktheater thematisiert nämlich die mörderische Geschichte des Fürsten und Komponisten Carlo Gesualdo, der einst seine Gattin und ihren Liebhaber ins Jenseits befördern ließ.

So wie die Musik trotz der Thematik nichts Extrovertiertes aufruft, so hat auch Regisseurin und Bühnenbildnerin Rebecca Horn (sie übernahm die ganze Arbeit, nachdem Regisseur Klaus Michael Grüber kürzlich verstarb) nichts Nervös-Plakatives auf die Bühne gebracht. In stilisierten, zurückgenommenen Gesten agiert hier das kleine Ensemble vor einer riesigen Fläche, auf der wandelnde Horn-Bilder gezeigt werden.

Von diskreter Qualität sind auch die vokalen Linien, die Anna Radziejewska (als La Malaspina), Otto Katzameier (als Il Malaspina), Kai Wessel (als L'ospite) und Simon Jaunin (als Il servo) versiert vermitteln. Ganz selten wird hier Gefühl heftig umgesetzt, mitunter kippt man ins Sprechen. Mit schlafwandlerischer Sicherheit hält Sciarrino aber im Grunde alles in einem Bereich, der Packendes aus der Zurückgenommenheit des Ausdrucks heraus entwickelt. Es ist eine introvertierte Intensität, die sich hier entfaltet. Wer in den kommenden Tagen den Kontinent Sciarrino nicht besuchen kann, der sei zwecks Vertiefung auf eine ganz neue Drei-CD-Box (bei Kairos erschienen) verwiesen. (Ljubiša Tošic, Jörn Florian Fuchs, DER STANDARD/Printausgabe, 05.08.2008)

  • Ein Pärchen mit Problemen: Otto Katzameier (als Il Malaspina) und Anna Radziejewska (als La Malaspina).
    foto: neumayr

    Ein Pärchen mit Problemen: Otto Katzameier (als Il Malaspina) und Anna Radziejewska (als La Malaspina).

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