Wie man tote Vulkane zu Lebensspendern macht

4. August 2008, 17:34
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Wie aus einem scheinbar rückständigen Gebiet eine Musterregion mit höchster Lebensqualität wird: Das Steirische Vulkanland zeigt, was unkonventionelles Denken und hartnäckig verfolgte Visionen bewirken können

Auersbach/Wien - "G'scheiter, es regnet jetzt als dann, wenn's Wetter schön ist." Der Spruch eines südoststeirischen Bauern, den Josef Ober augenzwinkernd zitiert, könnte seine eigene Philosophie umreißen: Was ist, kann und wird sich ändern. Ein Gewitter hat die Besucher des Schinkenfestes in Auersbach in die Unterstände gezwungen und unser Gespräch unterbrochen. Es verzieht sich bald wieder, und das Fest geht weiter.

Gefeiert wurde heuer zum dritten Mal das Produkt, das sich längst zum Markenzeichen der Region entwickelt hat, die sein Namensgeber ist. Aber eigentlich feiert das Steirische Vulkanland bei dieser Gelegenheit sich selbst. Und es hat allen Grund dazu.

Aus einem nach harten Wirtschaftsdaten wie Durchschnittseinkommen, Kaufkraft und Beschäftigungszahlen rückständigen Grenzgebiet im Südosten Österreichs ist eine Vorzeigeregion geworden: praktisch gestoppte Abwanderung, steigende Nachfrage nach Immobilien und Grundstücken, Investitionsfreudigkeit bei Klein- und Mittelbetrieben, kreatives Handwerk, hohes kulinarisches und gastronomisches Niveau mit international bekannten Leitbetrieben (Zotter, Gölles und eine Reihe von Spitzenwinzern), sanfter Tourismus.

Vor allem aber: Menschen, die sich mit ihrem Lebensraum identifizieren, dessen Wert schätzen und daraus Kraft und Kreativität beziehen. "Ein Produkt ist so gut, wie der Mensch selbst sich entwickelt hat", sagt Josef Ober, der Visionär. Und: "Wir waren lange Zeit so weit hinten, dass wir jetzt wieder vorn sind, weil wir das haben, was andere nicht mehr haben können." Eine Umfrage unter Gästen in Bad Gleichenberg liefert, unter vielem anderem, die Bestätigung: 86 Prozent wollen wiederkommen - nicht in erster Linie wegen der Landschaft oder der Kulinarik, sondern wegen der Mentalität der Menschen.

1995 hatte der damalige Bürgermeister von Auersbach die Idee, die vor Jahrmillionen erloschenen Vulkane von Riegersburg bis Straden quasi zu Paten der Region zu machen, zu Paten einer Kulturlandschaft, die die Menschen mit ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten anspricht und anspornt. 2001 wurde der Verein zur Förderung des Vulkanlandes gegründet.

Die Idee war nicht unumstritten, so wie auch Ober selbst, nicht einmal in seiner eigenen Partei (er ist auch ÖVP-Landtagsabgeordneter). Inzwischen ist die Marke Vulkanland bei 98 Prozent der Bevölkerung (103.000 Einwohner in 79 Gemeinden der Bezirke Feldbach, Radkersburg, Fürstenfeld und Weiz) bekannt. Die Vision hat die toten Vulkane zu neuen Lebensspendern erweckt. Als philosophierender Spinner wurde Ober von manchen einst belächelt. Heute ist er als erfolgreicher Visionär anerkannt, so wie sein Konzept der Nachhaltigkeit.

Ober setzt damit auch ein Zeichen gegen Politik(er)verdrossenheit. Wo andere sich am nächsten Wahltermin orientieren, sagt er: "Man braucht zehn Jahre, um mit einem Thema bei den Bürgern wirklich anzukommen." Geduld, Ausdauer und Hartnäckigkeit hat er als eines von sieben Kindern einer kleinbäuerlichen Familie gelernt. Der Vater, erzählt er, sei ein Experte in Nachhaltigkeit gewesen: "Den Weg zum Hof hat er immer sorgfältig gepflegt und mit zwei Fuhren Schotter ausgebessert, wo andere zehn gebraucht hätten."

"An Hoagl" - ein Heil - mit den Dingen haben: Diesen alten Wert setzt der Visionär der heutigen materiellen Fülle entgegen, die mit einem noch nie dagewesenen seelisch-geistigen Mangel einhergehe. Eines von vielen Beispielen für effiziente und kreative Produktverwertung: Helmut Buchgraber, Obers Nachfolger als Bürgermeister von Auersbach, presst aus Traubenkernen hochwertiges Öl. Aus dem Trester (Pressrückstand) werden kosmetische Salben erzeugt. Das verbleibende trockene, dunkle "Traubenmehl" dient zum schnellen Auftrocknen von Golfplätzen nach dem Winter. Inzwischen wurde auch eine strahlenabsorbierende Wirkung entdeckt. Das Wiener Otto-Wagner-Spital hat fünf Tonnen für Tests gekauft.

Das exzellente kulinarische Angebot der Region sieht Ober nur als Zwischenstufe auf dem Weg zu einer ganzheitlichen Ernährung von der Produktion bis zum Konsum. Die Kulinariker mit ihrem Sinn für Qualität und Genuss seien Vorboten dieser Entwicklung, die auch von der aktuellen Nahrungskrise gefördert werde.

In diesem Sinne "tut uns auch der Klimawandel gut" . Denn hier setzen Ober und seine Mitstreiter mit ihrer nächsten, der Energievision, an: Bis 2025 sollen 100 Prozent der im Vulkanland benötig-ten Wärme, des Treibstoffes und der Elektrizität in der Region selbst erzeugt werden. Leitlinie: "Wir müssen so intelligent werden, dass wir mit minimalen Ressourcen maximale Lebensqualität erreichen." (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2008)

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