Manchmal ist die Feder mächtiger als das Schwert

4. August 2008, 17:23
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Solschenizyn hat bewiesen, dass das bloße Aussprechen der Wahrheit - manchmal - die Geschichte verändert

"Die Feder ist mächtiger als das Schwert" - dieses Diktum des Verfassers des historischen Schinkens "Die letzten Tage von Pompeji" , Edward Bulwer-Lytton, trifft nur auf wenige Autoren zu. Alexander Solschenizyn ist einer von ihnen. Er hat die Sowjetunion nicht allein mit der Kraft seiner Feder gestürzt; aber die ungeheure moralische Energie, die von ihm ausging, war ein Faktor. Und sei es nur in der Form, dass er andere motivierte, das "Reich des Bösen" als das zu erkennen, was es war. So unterschiedliche geschichtliche Gestalten wie Gorbatschow und Reagan, Lech Walesa, Václav Havel und Karol Wojtyla bezogen - auch - aus Solschenizyns Werk die Erkenntnis, dass sich im Sowjetreich etwas dramatisch ändern musste.

Sein Monumentalwerk "Der Archipel Gulag" rief Anfang der Siebzigerjahre in Erinnerung, dass ein Imperium, das auf einem solchen Fundament ruhte - der Versklavung und Ermordung von Millionen und Abermillionen in schrecklichen Lagern -, keinen Bestand haben konnte.
Solschenizyn war einer der ganz wenigen, die es wagten, in der poststalinistischen Breschnew-UdSSR die Wahrheit auszusprechen. In seiner Nobelpreisrede 1974 sagte er:"Ein Wort der Wahrheit überwindet die ganze Welt." Die Wahrheit war, dass die Sowjetunion, das kommunistische System insgesamt all seinen Menschheitserlösungsparolen zum Trotz auf der systematischen Versklavung und Ausrottung von Menschen beruhte, und zwar von Anfang an. Der Unterschied zum Nationalsozialismus bestand darin, dass der Stalinismus sich nicht eine bestimmte Menschengruppe wie die Juden und Zigeuner zur vollständigen Vernichtung auserkor, sondern den Massenmord breitflächig verteilt als Herrschaftsinstrument einsetzte. Niemand war sicher, auch die eifrigsten Parteigänger des Systems nicht.

Symbol und Instrument dieses Systems des unterschiedslosen Massenterrors war der Gulag ("Glawnoje Uprawlenije Isprawitelno-trudowych Lagerej" - Hauptverwaltung für Besserungsarbeitslager), deren Lager wie Inselgruppen (Archipel) über die Landkarte verteilt waren.
Solschenizyns "Wort der Wahrheit" trug in der Tat dazu bei, die Welt des Gulags zu überwinden. Die Lüge hat freilich ein langes Leben, wenn sie gewaltsam aufrechterhalten wird.

Wir wissen nicht, wie viele chinesische oder nordkoreanische Solschenizyns in den Lagern verschwunden sind und ob es sie jemals geben wird. Das heutige China und Putins Russland scheinen außerdem den Beweis anzutreten, dass Wirtschaftsentwicklung auch ohne Demokratie und ohne Freiheit möglich ist. Solschenizyn selbst war ja alles andere als ein Demokrat, sondern ein autoritärer russischer Nationalist, wenngleich immer auch ein Humanist.

Aber er hatte bewiesen, dass das bloße Aussprechen der Wahrheit - manchmal - die Geschichte verändert. Die Wahrheit in China und Russland könnte sein, dass ohne freies Denken auf die Dauer keine wirkliche Weiterentwicklung möglich ist, mögen billige Arbeit und Ressourcenreichtum heute auch einen anderen Eindruck vermitteln. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2008)

 

 

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