"Das Ende einer Epoche"

4. August 2008, 15:19
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Übersetzer Poljakov: "Es ist die Geschichte eines Kämpfers, eines Glaubenden, eines Zeugen"

Wien - "Jetzt ist eine Epoche zu Ende gegangen." Fedor Poljakov, Professor für russische Literatur an der Universität Wien und Übersetzer mehrerer Werke des gestern verstorbenen Alexander Solschenizyn, bewertet das Wirken des Autors auf Anfrage der APA als entscheidend für die historischen Veränderungen am Ende des 20. Jahrhunderts. "Er war ein Wegbereiter der geistigen Opposition gegen ein allmächtiges und ausgeklügeltes System von Unfreiheit."

Memoiren

Erst in den vergangenen Jahren übersetzte Poljakov Solschenizyns Memoiren "Zwischen zwei Mühlsteinen. Mein Leben im Exil" (München, Herbig, 2005) sowie "Meine amerikanischen Jahre" (München, LangenMüller 2007) und stand dabei auch in Kontakt mit dessen Frau Natalja. "Der Lebenslauf Solschenizyns zeigt auf den ersten Blick, dass er viele und verschiedene Begegnungen mit dem Tod hatte - die stalinistischen Repressionen hatten einst seine Familie erfasst; er nahm am Zweiten Weltkrieg teil; er lernte Gefängnisse und Lager kennen; er war an Krebs erkrankt, wurde in einer Lagerklinik operiert und konnte die Krankheit schließlich besiegen. Man kann kaum glauben, dass all dies Stationen eines einzigen Menschenlebens waren und dass ein Mensch, der durch solche Prüfungen gegangen ist, dennoch fast 90 Jahre alt wurde."

Je dramatischer die Stationen seines Lebens, desto mächtiger sei jedoch die Kraft seines Schreibens. "Sein Leben ist nicht nur ein Aufzählen der Leiden; vielmehr ist es die Geschichte eines Kämpfers, eines Glaubenden, eines Zeugen. Sein Wort war seine einzige Waffe." Vor allem sein Hauptwerk "Der Archipel Gulag" werde "als Denkmal für Millionen Opfer des sowjetischen Regimes, aber auch für seine Position der Verantwortung als Schriftsteller in einer menschenvernichtenden Zeit" aufrecht bleiben. Und sein Leben als "Geschichte des Kampfes eines Einzelnen gegen Vernichtung und Vergessen" in Erinnerung bleiben. "Und diesen Kampf hat er für Generationen von Menschen gewonnen."

Tolstoj und Dostojewski

Erst jetzt, nach seinem Tod, werde eine "intensive Auseinandersetzung mit seinem Werk beginnen, die seine einzigartige Stellung in der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts beleuchten wird". Sein Wirken werde oft als die Fortsetzung der Traditionen der russischen Literatur von Tolstoj und Dostojewski betrachtet, "jedoch in den Zeiten des Totalitarismus, von Gesellschaftsformen, die sich Tolstoj und Dostojewski mit ihrer ganzen visionären Kraft nicht hätten vorstellen können", so Poljakov, der auf die Bedeutung einer deutschen Übersetzung des Gesamtwerks hinweist. Vor allem sein publizistisches Werk könnte "mit vielen Vorurteilen aufräumen" und nicht nur in die Literaturgeschichte, sondern auch in die "Schaffung neuer Richtlinien eines europäischen Dialoges mit Russland" eingehen. (APA)

 

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