Reaktionen - Internationale Pressestimmen

4. August 2008, 15:14
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"New York Times": "Moderner Jeremias" - "FAZ": "Ein unerbittlicher Streiter" - "Zeit": "Mutig wie er waren damals wenige"

Wien - Mit Würdigungen für das Wirken Alexander Solschenizyns hat die internationale Presse heute auf das Ableben des russischen Autors reagiert. Sein Anteil am Einsturz der Sowjetunion, seine Bedeutung innerhalb der Tradition der russischen Literatur und sein bewegtes Leben stehen im Vordergrund der Nachrufe in europäischen und US-amerikanischen Medien.

"New York Times"

So lobt die "New York Times" in ihrer Online-Ausgabe seine "sturen, einsamen und kämpferischen literarischen Bemühungen", die "mit der Kraft der Prophetie die schweren Schäden des sowjetischen Kommunismus in einigen der kraftvollsten Werken des 20. Jahrhunderts aufdeckten." Solschenizyn sei "der Erbe einer moralisch fokussierten und oft prophetischen russischen Literaturtradition" gewesen. Mit seinem "ernsten Gesichtsausdruck und seinem alttestamentarischen Bart" erinnerte er an Tolstoi, während er als "moderner Jeremias" das "Böse des Kremls und die später die Sitten des Westens anklagte."

"Eine solche Figur schien ins 19. Jahrhundert zu passen, in die Zeit der Giganten, die fast grotesk der geografischen Größe Russlands entsprechen wollten", kommentiert die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Dass in unserer Zeit noch einmal ein Schriftsteller mit dem Anspruch eines Propheten auftauchen sollte, erfüllte viele Betrachter mit ungläubigem Staunen - oder Befremden." Dennoch sei mit Solschenizyn "ein unerbittlicher Streiter für Menschenrechte und Menschenwürde, ein Streiter gegen Zensur und Unrechtsregime" verstorben. "Ein in der Spätzeit höchst umstrittener Denker des Russentums und ein großer Repräsentant der russischen Literatur - wenn auch mit erklärter Absicht nicht von der Sorte der ästhetischen Neuerer. Das Klischee der politischen Unwirksamkeit literarischer Texte schien er in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wie selbstverständlich Lügen zu strafen. Sein geistiger Anteil am Einsturz des sowjetischen Totalitarismus und damit an den Umwälzungen in Osteuropa darf nicht zu klein veranschlagt werden."

"Die Zeit"

Kritisch beleuchtet die Online-Version der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" Solschenizyns Naheverhältnis zu Wladimir Putin sowie sein jüngeres Werk "Zweihundert Jahre zusammen", eine Geschichte des jüdisch-russischen Zusammenlebens, das von der Kritik als antisemitisch und verharmlosend "verrissen" worden sei. "Trotz dieser Schatten, trotz seines Verhaftetseins im alten, undemokratischen, nationalistischen Russland, verliert die literarische Welt in Solschenizyn, der am Sonntag mit 89 Jahren in Moskau starb, einen ihrer wichtigsten Chronisten und Aufklärer. Wir verdanken ihm das Protokoll einer grausamen Zeit, das er trotz des eisernen Griffs des Moskauer Regimes veröffentlichte. Mutig wie er waren damals wenige. Seine Werke über die Stalin-Ära zeugen von der moralischen, prophetischen Tradition, die in der russischen Literatur verbreitet war und heute noch ist."

"Dernières Nouvelles d'Alsace"

In Frankreich urteilte die Straßburger Regionalzeitung "Dernières Nouvelles d'Alsace", mit Solschenizyn sei "eine der letzten Persönlichkeiten der ost-westlichen Konfrontation gestorben." "Er war eines der letzten großen Opfer einer bipolaren Welt, die durch den Krieg der Ideologien und der unterschiedlichen Weltanschauungen in zwei Teile getrennt war. Der russische Schriftsteller war als Einzelperson Widerstandskämpfer des Geistes gegen die entsetzliche totalitäre Maschinerie. Deshalb hat er diese universelle Dimension erlangt, die über sein Werk hinausging und die auch seinen Tod überdauern wird."

"La Stampa"

"Es gab viele, die den Verdacht hegten, dass er in Wirklichkeit unsterblich wäre", beleuchtet demgegenüber die Turiner Zeitung "La Stampa" die Biografie des Autors. "Er hatte alles überlebt: Die Revolution, den Krieg, den Gulag, den Krebs, den KGB, das Exil - all die schlimmsten Dinge, die einem Menschen - und besonders einem Russen - im vergangenen Jahrhundert widerfahren konnten. Ihm schien kein gewöhnliches Schicksal beschieden, und sicherlich hätte Alexander Issajewitsch Solschenizyn in den langen Jahren seines persönlichen Kampfes gegen den Kommunismus nie gedacht, dass er einmal so sterben würde, wie er gestern Abend gestorben ist: In Moskau, in seinem Haus, im Alter von 89 Jahren." (APA/dpa)

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