"In der Rauchpause wird mehr ausgetauscht als Feuerzeuge"

4. August 2008, 14:48
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Sie ist Quell wichtiger interner Infos oder kann gar den Ausgang von Meetings beeinflussen, so die Kulturanthropologin Brixa im Interview - Auch Liebe am Arbeitsplatz ist Thema

"Vor dem Aschenbecher sind alle gleich", sagt Bettina Brixa und deutet damit an, dass in der Rauchpause mehr geschieht als nur die bloße Nikotinaufnahme. Was beim Gang ins Raucherkammerl oder in den Hof zum Tragen kommt und welche Rolle emotionale Beziehungen unter Kollegen spielen können, verrät sie im Teil 2 der Interviewserie zum geheimnisvollen Büroalltag.

derStandard.at: Was ist das Besondere am Zusammensein mit Kollegen am Arbeitsplatz?

Brixa: Kaum ein anderer Ort versorgt einen mit so vielen Kontaktmöglichkeiten und Anknüpfungspunkten, und nirgendwo werden die alltäglichen Sorgen von so vielen gleichgesinnten Menschen verstanden und geteilt. Die Probleme und Spannungsfelder, die Beziehungen am Arbeitsplatz mit sich bringen, sind künstlerisch wie trivial facettenreich behandelt worden.

derStandard.at: Manchmal wird aus einer kollegialen Beziehung auch mehr...

Brixa: Nicht von ungefähr ist das Thema Liebe am Arbeitsplatz Stoff unzähliger Filme und TV-Serien. Liebe gibt es aber in wesentlich mehr Spielarten als der klassischen Form des anziehungsstarken und auch erotischen Verhältnisses zweier Menschen zueinander, das im Idealfall in einer längerfristigen Beziehung mündet. Vieles von dem, was wir im Arbeitskontext zu leisten bereit sind, hängt auch mit der emotionalen Qualität der Beziehung zum jeweiligen Vorgesetzten oder Kollegen zusammen.

derStandard.at: Wann macht sich diese emotionale Qualität besonders bemerkbar?

Brixa: Oft sind es Ausnahmezustände, schwierige Projektphasen oder aufgrund äußerer Umstände kritische Zeiten, in denen, ohne dass auf eine eventuelle Umwegrentabilität spekuliert wird oder eigene Kosten-Nutzen-Abwägungen im Vordergrund stehen, große Energie freigesetzt wird und man zusammenarbeitet, als wäre man eins. Dass das unabhängig vom Geschlecht und auch unabhängig von erotischer Anziehungskraft funktioniert, legt nahe, dass es nichts mit einer klassischen "sexuellen Affäre" oder Liebesbeziehung zu tun hat.

Manchmal gehen Menschen jedoch weit über den rational argumentierbaren Einsatz hinaus. Dabei macht es auch einen Unterschied, wer da an wessen Seite und wer an der Spitze steht. Dass man sich in solchen Phasen sehr stark verbunden fühlt und diese Zeit, egal, ob sie wenige Tage dauert oder mehrere Jahre, eine besondere Qualität hat, zeigt, dass solche Phänomene eher dort anzusetzen sind, wo Gefühle und vielleicht auch das Außergewöhnliche, das Abenteuer zu verorten sind, als dort, wo zweckrational und analytisch vorhersehbar agiert wird.

derStandard.at: Auch das "eine Rauchen gehen" ist aus dem beruflichen Alltag nicht wegzudenken - warum?

Brixa: Lassen wir die aktuelle Diskussion um Rauchverbote einmal beiseite und betrachten wir das "Eine-Rauchen-Gehen" als ritualisierte Unterbrechung des Arbeitsrhythmus. Zuerst einmal wird dadurch auf einer sehr basalen Ebene eine Differenz geschaffen - zwischen denen, die dabei sind, und denen, die nicht dabei sind.

In vielen Fällen ist die Pause mit Zigarette betriebskulturell legitimiert, das heißt, man hat keine Sanktionen zu erwarten, anders, als wenn man regelmäßig auf den Gang ginge um schnell ein Sudoku zu lösen oder Ähnliches.

derStandard.at: Welche sozialen Funktionen können die wenigen Minuten des gemeinschaftlichen Rauchens haben?

Brixa: Die soziale Struktur der für etwa sieben Minuten Zusammentretenden kann sehr variieren. Es gibt Rauchgemeinschaften mit etablierten Zeiten und Orten, die über Abteilungen hinweg funktionieren und vielleicht eine historische Dimension der Unternehmensstrukturen widerspiegeln ("die aus dem ehemaligen ...-Büro"). Das sind Klassiker der effizienten und hochmultiplikativen informellen Kommunikationskanäle.

Gänge mit Aschenbechern und Kaffeemaschinen sind hingegen meist durch lose fluktuierende Grüppchen gekennzeichnet, in denen oft die emotionalen Spitzen der letzten halben Stunde Thema sind und in denen jeder Einzelne zwischen Sharing und Lauschen hin- und herpendeln kann.

derStandard.at: Welche Auswirkungen kann das auf Kommunikations- und Informationsprozesse im Unternehmen haben?

Brixa: Auswirkung kann sein, dass manche offiziell über Anweisungen geregelten Prozesse für die Führung unsichtbar und jenseits des Organigramms hier erst richtig ins Laufen kommen oder natürlich auch boykottiert werden. Es werden inoffizielle Informationen ausgetauscht und weitergegeben, und selbst Probleme, deren sich Entscheidungsträger möglicherweise gar nicht bewusst sind, können sich im Hintergrund manchmal quasi von selbst lösen. In der Rauchpause wird eben mehr ausgetauscht als nur Zigaretten.

derStandard.at: Ist das immer nur positiv zu sehen?

Brixa: Das hat bestimmt Vorteile, sehr stark ausgeprägte informelle Kulturen haben aber auch den Nachteil, dass die Führung verschobene Vorstellungen davon bekommt, was wann wie und warum funktioniert. Selbstverständlich kann sich hier auch betrieblicher Widerstand gegen Anweisungen und Veränderungsprozesse formieren beziehungsweise festigen. Schnell wird aus dem Raucherkammerl die sprichwörtliche Gerüchteküche.

Brisant sind sicher die Rauchpausen während Meetings. Hier besteht potenziell immer die Möglichkeit, nachzuverhandeln, Tendenzen auszuloten und Allianzen zu schaffen beziehungsweise zu stärken.

derStandard.at: Und wie sieht es mit den Hierarchien während der Rauchpause aus?

Brixa: Es passiert etwas, das selbst den Beteiligten kaum bewusst ist: Außerhalb der Rauchpause geltende formelle und informelle Hierarchien sind zwar nicht ausgeschaltet, treten aber in den Hintergrund, da vor dem Aschenbecher alle gleich sind. Es ist dies eine winzige Bühne für die publikumswirksame Inszenierung gemeinsamer Gewohnheiten oder persönlicher Vorlieben (von der Zigarettenmarke bis zur Luxusarmbanduhr) jenseits des Arbeitszusammenhanges.

derStandard.at: Muss jetzt jeder Angst haben, dass er etwas verpasst, wenn er sich nicht mit den rauchenden Kollegen sozialisiert?

Brixa: Tendenziell besteht natürlich die Gefahr, nicht auf dem Laufenden zu sein. Nicht von ungefähr sieht man Nichtraucher gemeinsam mit Rauchern in der Kälte schlottern oder sich ins stickige Raucherzimmer drängen. Aber die Rauchpause ist nur eines von vielen Beispielen für Knotenpunkte informeller Kommunikation. Es gibt also genug Ausweichmöglichkeiten. Und manchmal passiert natürlich auch gar nichts außer dem Austausch von Urlaubserlebnissen oder Ähnlichem.

Das Besondere an der Rauchpause ist aber, dass - zumindest hierzulande - kein Druck zum Smalltalk herrscht wie es zum Beispiel bei einem gemeinsamen Glas Sekt anlässlich eines Geburtstages der Fall ist, da jeder für sich Akteur in einer sozialen Situation ist, die durch das Rauchen der Zigarette ausreichend ausgefüllt wird und nicht zwingend nach Kommunikation verlangt. Gespräche können sich hier also sehr beiläufig entwickeln, ohne die Gefahr, nicht mehr auszukommen, denn notfalls widmet man sich wieder der Zigarette oder dämpft sie aus und geht. (Marietta Türk, derStandard.at, 5.8.2008)

 

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    Das Klicken des Feuerzeugs kann Quell wichtiger Informationen sein, die man hinter dem Schreibtisch nicht bekommt

  • Zur Person
Bettina Brixa ist Kultur- und Sozialanthropologin und Projektmanagerin. Ihre derzeitigen wisschenschaftlichen Schwerpunkte sind Wirtschafts- und Organisationsanthropologie, Technologie und Gesellschaft, Populärkultur und Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft.
    foto: privat

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    Bettina Brixa ist Kultur- und Sozialanthropologin und Projektmanagerin. Ihre derzeitigen wisschenschaftlichen Schwerpunkte sind Wirtschafts- und Organisationsanthropologie, Technologie und Gesellschaft, Populärkultur und Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft.

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