Die Hippiekinder von Vama Veche

6. Oktober 2008, 05:34
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In Ceausescus Reich gehörte das Dorf am Schwarzen Meer den Re­bellen gegen den Kom­mu­nis­mus - Heute kämpfen deren Kinder gegen Kommerz und Katalogtourismus - derStandard.at-Reportage

"Nein, wir sind ganz bestimmt keine Hippies" sagt Karolina, lacht und schüttelt zur Bestätigung den Kopf. "Wirklich nicht", assistiert ihr Oliver, der neben seiner Freundin im Laderaum ihres orangefarbenen VW-Bus liegt. Der 26-Jährige legt seine Urlaubslektüre, George Orwell, zur Seite und öffnet die Hintertür des Autos, das den beiden Tirolern samt Matratze, Zimmerpflanze und mobiler Bibliothek als Lebensmittelpunkt dient. "Diese Aussicht ist doch ein Wahnsinn", sagt er und lehnt sich noch einmal zurück. Das Paar ist auf großer Fahrt. Seit einem Monat schon. Vama Veche, Rumäniens Alternativ-Strandbad am Schwarzen Meer, ist die letzte Station ihrer Reise. "Der krönende Abschluss", meint Karolina. "Hier ist es ein bisschen wie auf einem Festival. Nur eben mit Meer", sagt Oliver. Vor fünf Tagen haben sie ihr improvisiertes Wohnmobil auf dem Parkplatz, fast 2000 Kilometer von Kufstein und einen Steinwurf vom Strand entfernt, abgestellt. Und haben erst einmal nicht vor, das zu ändern.

Festival gegen die Übervölkerung

Keine zwanzig Meter vom Bus der beiden Tiroler entfernt schwitzt ein Polizist in der Sonne und pfeift die wenigen Jogger zurück, die sich dem notdürftigen Zaun am Strand nähern. Dahinter liegt Bulgarien. Die Nähe zur Grenze hat das 200-Seelen-Dorf Vama Veche, zu deutsch Alter Zoll, vor betonenen Hotelburgen, wie sie an den übrigen Urlaubsorten der rumänischen Schwarzmeerküste seit den Siebzigerjahren vor sich hinrosten, bewahrt. Und das soll, wenn es nach den letzten Hippies von Vama Veche geht, auch so bleiben. Während sich auf den Parkplätzen des kleinen Ortes neben unzähligen Campingbussen immer mehr teure SUV-Wägen mit Bukarester Kennzeichen tummeln, wird an der Peripherie der Zeltstadt nämlich an allen Ecken und Enden gebaut. "Mal schauen, wie lange es hier noch so beschaulich bleibt", meint Karolina. Die 30-Jährige ist nicht die einzige, die so denkt.

Die Bemühungen, den Hippiegeist des kleinen Örtchens am Südzipfel Rumäniens zu bewahren, treibt mitunter bizarre Blüten. Zehntausende Rockfans pilgern jedes Jahr im August nach Vama Veche, um beim Stufstock-Festival ein Zeichen gegen die drohende Touristenschwemme zu setzen. Plakate werben auch im 300 Kilometer entfernten Bukarest für die gitarrenlastige Love Parade der rumänischen Hippies, die belgischen Indierocker dEUS sind in diesem Jahr Headliner. Seit 2006, immerhin, wurden keine neuen Gebäude und Straßen mehr gebaut und die Proteste der Vama Veche-Hippies scheinen vorerst belohnt zu werden.

Unter den Augen der Grenzer

Johnny und Cosim lassen sich von dem Fernglas des Grenzers nicht stören. Die beiden Endzwanziger haben ihr Zelt direkt am Strand aufgeschlagen, essen Pistazien und trinken Dosenbier. Wie ihre Nachbarn, ein Paar um die fünfzig, tragen auch Johnny und Cosim keine Badehosen. Hüllenloses Baden ist in Vama Veche trotz der Masse an Badenden nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Getrennte FKK-Bereiche brauchen die rumänischen Nudisten nicht. Aus dem kleinen Batterieradio, das die beiden Studenten im Schatten des Zeltdachs aufgestellt haben, tönen laut The Smiths, „Girlfriend in a Coma". Johnny, der eigentlich Ion heißt, und Cosim kommen aus dem nordrumänischen Bistrita und sind, wie ein Großteil der Strandcamper,  Selbstversorger. Aus Prinzip. Vor allem, was Bier betrifft. "Seit die Bukarester jedes Wochenende herkommen, sind die Preise in die Höhe geschnellt." Bis vor wenigen Jahren hätte jeder einfach irgendwo am Strand sein Zelt aufgeschlagen, erzählt Cosim. Heute sei es viel geordneter, Rettungsschwimmer werfen ein Auge auf ihre Klientel und alle paar Meter warten große Mülltonnen darauf, mit leeren Bierdosen und Essensresten gefüllt zu werden.

"Das ist das Paradies!"

Ein Kassier in Badeshorts und Flip Flops dreht zwischen den hunderten Schlafplätzen seine Runden und verkauft Platzkarten. Zehn Lei kostet heute eine Übernachtung im Zelt am weißen Strand von Vama Veche, etwa drei Euro. Für Westeuropäer wie Marc, dem 28-jährigen Musiklehrer aus Barcelona, durchaus wohlfeil. Er lässt seinen Tramperrucksack in den weißen Sand fallen, zündet sich eine Zigarette an und beginnt, sein dunkelblaues Zelt aufzubauen. "Ich habe so einen Ort in Rumänien nicht erwartet, das ist das Paradies!" Der Spanier hat Mühe, unter den dicht gereihten Zelten jenes auszumachen, in dem seine Freunde aus Holland wohnen, die er auf seiner Rucksacktour durch den Balkan kennengelernt hat. Außer Backpackern wie Marc und seinen Freunden verirren sich heute aber kaum Nicht-Rumänen in die staubige Zeltstadt am Schwarzen Meer.

In den teils bunt bemalten, teils mit Stoff überzogenen Bretterbuden, die gleich hinter den Zelten am Strand aufgebaut wurden, werden Bier, Zigaretten und Kebab verkauft, der hier "Shaworma" heißt. In einem der wenigen Restaurants an der Hauptstraße begrüßen kommunistische Ikonen aus großen und kleineren Bilderrahmen die hungrigen Gäste. Lenin lugt grimmig am Dönerspieß vorbei von der Wand, Stalin tut es ihm gleich. Nur einer schenkt dem Betrachter ein freundliches, mit viel Rouge weichgezeichnetes Lächeln: Nicolae Ceausescu, Rumäniens Ex-Diktator, der 1989 nach einer blutigen Revolution gestürzt und hingerichtet wurde. Auf seiner Oberlippe prangt, mit schwarzem Edding gemalt, ein Hitlerbärtchen. Die einzige offensichtliche Erinnerung an die Zeit, in der die Rebellen in den Zeltstraßen von Vama Veche noch einen gemeinsamen Grund hatten.

Toleriertes Refugium

Im Gegensatz etwa zu den Hörsälen an den rumänischen Universitäten, genossen Studenten und Künstler seit den Sechzigerjahren die relative Freiheit der alternativen Schwarzmeerenklave. Während die kommunistische Nomenklatura in Retortenstädten namens Neptun oder Saturn urlaubte, nahmen Studenten, Künstler und sogenannte Freigeister den Strand von Vama Veche in Beschlag. Ceausescu habe die Hippies gewähren lassen, mutmaßt FKK-Freund Johnny, "weil der Ort seinem Regime als eine Art Ventil" diente. "Hier konnte man den Alltag wohl besser vergessen als irgendwo sonst. Das Land zu verlassen war ja den wenigsten Rumänen möglich."

Nonkonformisten

Außer zwei einfachen Motels, die in den Sommermonaten hoffnungslos überbucht sind, und den Privatvermietern, die so wie vierlorts an rumänischen Bushaltestellen mit 'Cazare'-Schildern aus Pappe bewehrt um Gäste heischen, gibt es an diesem Teil der Küste bis heute kaum touristische Infrastruktur. Der Bus aus dem nahen Mangalia, der alle paar Stunden eine neue Wagenladung Sonnenhungriger an der einzigen asphaltierten Straße von Vama Veche ausspruckt, bringt den örtlichen Fischern, Bauern und sonstigen Zimmervermietern keine Kundschaft. Valentin, er möchte seinen echten Namen nicht genannt wissen, zum Beispiel schläft gemeinsam mit seiner Freundin Georgina am Strand. "Vama Veche ist noch immer ein guter Platz für Nonkonformisten, für Punks und Rocker, so wie ich einer bin", sagt er und zeigt lachend auf das Hörgerät, das er unter seinen langen, am Rücken zusammengebunden Haaren versteckt. Seit vier Jahren lebt der 31-Jährige in Mailand, wo er als Assistent in einer Arztpraxis arbeitet. Und holt im Urlaub nach, was er in der Fremde nicht zu bekommen meint. "Als Rumäne muss ich mich in Italien doppelt anpassen. Erstens weil ich Ausländer bin und zweitens weil das Leben dort viel geregelter und durchorganisierter ist als hier."

Vielleicht auch, weil das Bier, das Valentin seiner Freundin in die Hand drückt, für umgerechnet ein wenig mehr als einen Euro über den Tresen geht und damit für Besucher aus der Euro-Zone noch immer recht preiswert ist. Vama Veche hat sich auf weiteren Zustrom von Touristen eingestellt, dem Mangel an Hotelbetten zum Trotz. Auch weil ein Großteil der Bewohner von ihnen lebt, Hippietum hin oder her. "Wir sind die modernen Hippies", meint Gastarbeiter Valentin. "Heute rebellieren wir in Vama Veche nicht mehr gegen Ceausescu, sondern gegen den Stress des Geldverdienens." Während Valentin seinen Rucksack auf die Schultern wuchtet, hebt auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein gelber Bagger bedrohlich seine Schaufel. (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 4.9.2008)

  • Karolina und Oliver genießen die Aussicht vom VW-Bus.
    foto: derstandard.at
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    Karolina und Oliver genießen die Aussicht vom VW-Bus.

  • An den Rändern des knapp zwei Kilometer langen Strandes von Vama Veche wird die Zeltdichte lichter.
    foto: derstandard.at
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    An den Rändern des knapp zwei Kilometer langen Strandes von Vama Veche wird die Zeltdichte lichter.

  • Das zentrale Teilstück erinnert hingegen eher an Jesolo oder Benidorm denn an Rumänien.
    foto: derstandard.at
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    Das zentrale Teilstück erinnert hingegen eher an Jesolo oder Benidorm denn an Rumänien.

  • "Das ist das Paradies!", findet Marc aus Barcelona.
    foto: derstandard.at
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    "Das ist das Paradies!", findet Marc aus Barcelona.

  • Nicht nur junge Menschen baden in Vama Veche, auch Familien und Pensionisten.
    foto: derstandard.at
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    Nicht nur junge Menschen baden in Vama Veche, auch Familien und Pensionisten.

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