Gute Tropfen auf heißem Stein

6. August 2008, 17:00
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Bei der Weltausstellung in Zaragoza fließen Gedanken zu einem Thema zusammen: nachhaltige Wassernutzung. Durst löschen Gäste stilvoller im Stadtkern

Achtunddreißig Grad, am Ufer rasten die Krokodile, ein Nilhecht schießt durch Afrikas längsten Strom. Eine vermeintliche Flussbiegung weiter öffnet sich der Blick unter die Oberfläche des Mekong. Piranhas tummeln sich - so muss das sein - gleich nebenan im Amazonas. Nur die Störe, die fühlen sich auch im Ebro-Wasser daheim.

Europas größtes Fluss-Aquarium ist lediglich eine von vielen Attraktion auf der Weltausstellung 2008, die im Juni in Zaragoza, der spanischen Stadt am Ebro, begonnen hat. Auf 8000 Quadratmetern in drei Millionen Liter Wasser blüht das Leben der Flüsse von Welt: 300 Arten haben im künstlichen "Rio del Mundo" eine neue Heimat gefunden, neun Meter ist er hoch und 43 Meter lang.

Die "Fiesta des Wassers" in Spaniens fünftgrößter Stadt ist aber zuallererst eine Informationsflut, die zum Umdenken bewegen will. 8000 der mehr als 60.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, getragen von Keramiksäulen und umgeben von Wasserbecken, die den Klimaanlagen unter die Arme greifen sollen, nehmen Spaniens Wasserhaushalt kritisch unter die Lupe: Im Ökopavillon etwa ist vom Ebro-Wasser die Rede, das eigentlich ins Mittelmeer strömen sollte. Nur ein Bruchteil gelangt aber in die gefährdete Deltalandschaft, bis nach Almería buhlen Regionalpolitiker um das Nass für Gewächshäuser. Trotz Dürre, illegaler Brunnen und immergrüner Golfplätze ist Spaniens Wasserpolitik offiziell auf Sparkurs, Zaragoza schreibt zurzeit mit einem Tagesverbrauch von 50 Liter pro Kopf aber gerade einen historischen Rekord.

Brachland bewässert

Der Wunsch, die Stadt zu erneuern, war mit ein Grund, sich um die Weltausstellung zu bewerben - heute ist Bürgermeister Juan Alberto Belloch stolz auf das neue Viertel. Und damit am Ebro nach der Ausstellung nicht ein ähnliches Brachland wie 1992 in Sevilla um den Guadalquivir entsteht, hat Belloch vorgesorgt: Das Gros der Pavillons in Zaragoza soll wiederverwendet werden, besonders aufwändige Projekte wie eben das Aquarium bleiben erhalten.

Alleine in den ersten drei Wochen kamen mehr als eine Million Besucher, aktuell sind es rund 60.000 Menschen täglich - sieben Millionen müssen die Expo bis zum September sehen, damit sich die mehr als drei Milliarden Euro, die hier verdampften, rechnen.

Schon von weitem sticht der Brückenpavillon der britischen Architektin Zaha Hadid aus dem Expo-Gelände hervor. Es ist der Eingang zum 25 Hektar große Areal, auch thematisch, denn im zweistöckigen Inneren findet sich das Basiswissen zum vitalen Elementarbündel H2O. Am Ausgang grüßt die "Seele des Ebro", ein gigantischer Buchstabenmensch, bevor man das eigentliche Wahrzeichen der Ausstellung erreicht: den 76 Meter hohen "Torre de Agua", einen Wasserturm ohne Wasser.

Den Slogan der lokalen Touristiker, "Lächle, du bist in Zaragoza", werden hier nur die Sportlichen ernst nehmen können. Immerhin, ein 23 Meter hoher Tropfen, der im Innern des Turms baumelt, begleitet einen beim mühevollen Aufstieg über die Schneckenhaus-Gänge und lenkt ein wenig ab. "Noch 714 Meter. Geschätzte Zeit: 14 Minuten", verrät ein Schild auf halbem Weg zur Skybar. Einmal oben angelangt, ist die für 1,50 Euro zu erstehende 0,4-Liter-Wasserflasche in einem Schluck geleert, während man bereits den außerhalb der Expo errichteten Wasserpark mit Wildbächen überblickt.

Stilisierte Tropfen sind hier omnipräsent. Wer sich zum Infostand bemüht, hat einen digitalen Wasserfall zu durchschreiten. Beim "Pavillon der Wasserkatastrophen" herrscht gespanntes Warten, ehe man in Einweg-Regenmäntel gehüllt zu Blitz und Donner auf den Sitzen hin- und hergerüttelt wird. Sprinkleranlagen verteilen in homöopathischen Dosen Wasser, während sich ein Hurrican über die Leinwand bemüht oder sich ein Tsunami auftürmt.

Von Delicias ins Eis gondeln

Ein Sommer am Ebro sieht zum Glück anders aus: Wenn die Thermometer über der 40-Grad-Marke zu bersten drohen, erleichtert eine klimatisierte Gondel über dem Promenadenweg die Anreise vom nagelneuen Bahnhof Delicias. Sie bringt einen prompt in die von Reinhold Messner eröffnete Eiswelt. Ein künstlicher Eisberg im Ebro öffnet sich überdies täglich um 22.00 Uhr - mitunter öffnet er auch die Augen für eine verschwenderisch einseitige Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt.

Die Zeitreise durch das mittelalterliche Zaragoza ist dann die eigentlich moderne, nachhaltige: Von Brennstoffzellen angetriebene Busse verkehren in der Stadt ebenso wie die Solarboote auf dem Ebro und unter der Steinbrücke "Puente de Piedra", die bereits seit 1440 die Bürger Zaragozas von einem Ufer zum anderen führt. Zu einem Ufer, das mit dem Aljafería-Palast im unverkennbaren Mudéjar-Stilmix maurisch-christlicher Prägung ebenso erzählt wie von der ganz frisch und strahlend weiß herausgeputzten La-Seo-Kirche.

Francisco de Goya erfrischt sich hier als Statue in einem Brunnen, gleich hinter der Kirche kann man das selber tun. Rund um die Bogenbrücke "Arco de Deán" ist Zaragozas Wasser bernsteinfarben, als Ambar-Bier kommt es etwa in der Bar vis-à-vis der kunstvollen Brücke auf den Tisch. Und am Abend zieht es vor allem jüngere Einwohner ins "Meer" - auch wenn das "Mar de Dios" eigentlich eine alternative Konzertlocation ist, deren Besitzer eine fast schon pathologische Begeisterung für Marienstatuen zeigt. Auf zwei Stockwerken wachen die Statuetten über die Tanzenden, vor allem aber über die Trinkenden.

Bei der Herbergssuche in Zaragoza einen kühlen Kopf zu bewahren ist zurzeit schwer: Die 10.500 Betten sind großteils ausgebucht. Aber draußen vor den Toren der Stadt bei Nuévalos kommt man dem Generalthema dieses Sommers ohnehin viel näher. Von einem Park mit Wasserkaskaden und Schatten spendenden Bäumen umgeben, liegt dort das Monasterio de Piedra, ein Kloster ganz aus Stein, wo man überraschend cool in renovierten Mönchszellen haust.

Und wer dann noch bereit ist, den kurzen Weg raus aus der Stadt in Kauf zu nehmen, für den tut sich ein ganz anderer Quell auf: In Fuentetodos erblickte Francisco de Goya das Licht der Welt. Sein Geburtshaus hier sollte man ebenso wenig verpassen wie den Espacio Goya in Zaragoza. (Jan Marot/DER STANDARD/Printausgabe/2./3.8.2008)

  • Gegen die übermächtige Sonne im hochsommerlichen Zaragoza setzt die
Stadt den "Schlauch" ein. El Tubo ist hier nicht nur die Bezeichnung
für ein Glas (zumeist
Bier), sondern auch für ein ganzes Viertel, bestehend aus einem
Labyrinth verwinkelter Gassen. Es liegt zwischen dem sehenswerten Markt
Mercado Central bzw. hinter der Plaza España, dem Fluss Ebro und der
Calle Coso Bajo und versammelt auf engstem die meisten Tapas-Bars der
Stadt. Wer's nicht gleich findet: Eine ganze Reihe von außergewöhnlich
kunstvollen Graffiti dient hier als Leitsystem.
    foto: jan marot

    Gegen die übermächtige Sonne im hochsommerlichen Zaragoza setzt die Stadt den "Schlauch" ein. El Tubo ist hier nicht nur die Bezeichnung für ein Glas (zumeist Bier), sondern auch für ein ganzes Viertel, bestehend aus einem Labyrinth verwinkelter Gassen. Es liegt zwischen dem sehenswerten Markt Mercado Central bzw. hinter der Plaza España, dem Fluss Ebro und der Calle Coso Bajo und versammelt auf engstem die meisten Tapas-Bars der Stadt. Wer's nicht gleich findet: Eine ganze Reihe von außergewöhnlich kunstvollen Graffiti dient hier als Leitsystem.

  • Heiter bleiben die Aussichten für Zaragoza-Besucher auch nach dem
offiziellen Ende der Expo am 14. September. Ein Großteil der Bauwerke
ist im neuen Viertel dann noch immer zu sehen, das Areal verändert sich
aber sukzessive: Der China-Pavillon etwa ist erst vor kurzem
dazugekommen. Der einfache Eintritt kostet € 35, es gibt zahlreiche
Ermäßigungen, Kinder unter fünf Jahren haben freien Eintritt. Auf dem
Gelände muss man oft mit langen Wartezeiten rechnen, über
Computerterminals lösbare Tickets zur Reservierung schaffen ein wenig
Abhilfe.
Foto: Expo Zaragoza 2008
    foto: expo zaragoza 2008

    Heiter bleiben die Aussichten für Zaragoza-Besucher auch nach dem offiziellen Ende der Expo am 14. September. Ein Großteil der Bauwerke ist im neuen Viertel dann noch immer zu sehen, das Areal verändert sich aber sukzessive: Der China-Pavillon etwa ist erst vor kurzem dazugekommen. Der einfache Eintritt kostet € 35, es gibt zahlreiche Ermäßigungen, Kinder unter fünf Jahren haben freien Eintritt. Auf dem Gelände muss man oft mit langen Wartezeiten rechnen, über Computerterminals lösbare Tickets zur Reservierung schaffen ein wenig Abhilfe.

    Foto: Expo Zaragoza 2008

  • Regen Flugverkehr halten die Billigairlines in Richtung Barcelona
aufrecht, Madrid ist zumeist nicht so günstig zu erreichen. Die
Verbindung nach Zaragoza ist aber grundsätzlich von beiden Städten gleich gut,
die Entfernung beträgt jeweils rund 300 Kilometer. Der
Hochgeschwindigkeitszug AVE benötigt dafür nur etwas mehr als eine
Stunde, ein Ticket für eine Richtung kostet rund 60 Euro pro Person (Info: renfe.es). Als
günstigere Alternative bieten sich die Alsa-Busverbindungen an, die
zudem gleich direkt vom Flughafen in Barcelona wegfahren. alsa.es
    grafik: der standard

    Regen Flugverkehr halten die Billigairlines in Richtung Barcelona aufrecht, Madrid ist zumeist nicht so günstig zu erreichen. Die Verbindung nach Zaragoza ist aber grundsätzlich von beiden Städten gleich gut, die Entfernung beträgt jeweils rund 300 Kilometer. Der Hochgeschwindigkeitszug AVE benötigt dafür nur etwas mehr als eine Stunde, ein Ticket für eine Richtung kostet rund 60 Euro pro Person (Info: renfe.es). Als günstigere Alternative bieten sich die Alsa-Busverbindungen an, die zudem gleich direkt vom Flughafen in Barcelona wegfahren. alsa.es

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