Die Lösung liegt im System

4. August 2008, 10:13
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Bei der Systemischen Familientherapie muss die Familie nicht unbedingt anwesend sein, sagt die Therapeutin Corina Ahlers - Wichtige Personen können auch anders einbezogen werden

Standard-Serie über die Wege der Psychotherapie - Teil 2: Systemische Analyse - Bei der Systemischen Therapie geht es darum, die Kommunikations- und Beziehungsbedingungen des Systems, in dem der Klient lebt, zu analysieren, erklärt Corina Ahlers.

STANDARD: Was ist die Grundidee der Systemischen Therapie?

Ahlers: In der Systemischen Therapie bzw. Familientherapie geht man davon aus, dass Schwierigkeiten des Individuums immer aus den aktuellen Kommunikations- und Beziehungsbedingungen des Systems, in dem es lebt, entstehen und daher auch hier gelöst werden können. In erster Linie ist das die Familie. Je nach systemischem Ansatz wird das System auch weiter gefasst: Dann werden Schule, Arbeitswelt usw. mit einbezogen.

STANDARD: An diesem Ansatz wird oft kritisiert, dass er nicht mit konkreten Krankheitsbildern arbeitet.

Ahlers: Es ist richtig, dass wir nicht von vornherein von einem spezifischen Störungskonzept für den Einzelnen ausgehen, das es zu behandeln gilt. Systemische Therapeuten sehen sich nicht als die Experten, welche die Diagnose stellen und dann eine Lösung vorgeben. Es geht nicht darum, die Neurose, die Depression oder die Psychose eines Patienten zu behandeln. Vielmehr sehen wir die Störung, mit der ein Klient in die Therapie kommt, als bestmöglichste Lösung, welche dem aktuellen familiären System im Moment zur Verfügung steht. Der Patient ist also im Grunde "nur" der Symptomträger in diesem System, oder anders gesagt: Die Kommunikation rund um das individuelle Störungsmuster ist symptomerhaltend. In der Therapie suchen wir andere Lösungen für dieses System, oft indem miteinander über verschiedene Möglichkeiten diskutiert und die optimale für alle Anwesenden ausgesucht wird.

STANDARD: Wie wird das System des Klienten in die Therapie einbezogen?

Ahlers: In der traditionellen Systemischen Familientherapie - so wie sie zum Beispiel von der Mailänder Schule in den 60er- und 70er-Jahren praktiziert wurde - musste die ganze Familie anwesend sein. Heute arbeitet man auch mit Individuen, Paaren oder mit einem Teil der Familie. Oder man wechselt zwischen Einzelsitzungen und solchen, in denen mehrere Familienmitglieder anwesend sind. Aber auch in der Einzeltherapie werden wichtige Bezugspersonen, die nicht physisch anwesend sind, immer mit einbezogen, etwa durch die Methode des zirkulären Fragens: Der Therapeut fragt den Klienten zum Beispiel, was der Vater sagen würde, wenn er hört, wie wütend sein Verhalten die Mutter macht usw. Das Ziel solcher Fragen ist es, alle Familienmitglieder in diese Gedanken einzubeziehen, auch wenn sie gerade nicht direkt angesprochen werden. Zirkuläre Fragen motivieren alle zum Nachdenken, schaffen aber gleichzeitig eine adäquate emotionale Distanz im familiären Gehege.

STANDARD: Mit welchen Methoden arbeiten Sie noch?

Ahlers: Wir arbeiten zum Beispiel mit sogenannten Hausaufgaben: Der Klient soll dann bestimmte Dinge bis zur nächsten Sitzung genau beobachten und aufschreiben. Paare können unter ritualisierten Bedingungen probestreiten, Kinder können geheim zweimal bis zum nächsten Mal brav sein, und deren Eltern sollen darauf achten, ob sie es bemerkt haben. Eine andere Technik ist die Familienskulptur, eine von der US-amerikanischen Familientherapeutin Virginia Satir entwickelte Technik. Der Klient stellt die einzelnen Familienmitglieder durch Gegenstände wie Polster, Stühle usw. symbolisch auf und wählt die Distanz und Nähe zwischen den einzelnen Mitgliedern. Das hilft ihm, ein systemisches Verständnis von sich selbst und den Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedern zu entwickeln. Durch diese bildhafte Darstellung werden Verbindungen und Konflikte besser wahrnehmbar, Lösungsmöglichkeiten können szenisch ausprobiert werden.

STANDARD: Im Zusammenhang mit Systemischer Therapie finden sich immer wieder die Schlagworte klientenzentriert, lösungsorientiert, ressourcenorientiert. Was ist damit gemeint?

Ahlers: Ein Grundmerkmal ist, dass zunächst einmal genau geklärt wird, was der Klient von der Therapie möchte. Die Systemische Therapie ist grundsätzlich als Kurzzeittherapie gedacht - obwohl sie in manchen Fällen trotzdem über ein, zwei Jahre gehen kann. Aber stundenlanges Sprechen, ohne ein übergeordnetes Ziel für eine Veränderung der aktuellen Situation im Auge zu haben, gibt es nicht. Und schließlich geht es darum, Fähigkeiten und Krisenbewältigungsstrategien, über die der Klient bzw. das System, in dem er sich bewegt, bereits verfügt, als wertvolle Ressourcen sichtbar zu machen und diese bei Bedarf zu erweitern. (Sabina Auckenthaler, DER STANDARD, Printausgabe, 4.8.2008)

  • Zur Person
Corina Ahlers ist Psychotherapeutin und
Lehrtherapeutin für Systemische Familientherapie in der
Arbeitsgemeinschaft für Systemische Therapie und Systemische Studien
(ÖAS), deren Obfrau sie bis 2006 war.
    foto: andy urban

    Zur Person

    Corina Ahlers ist Psychotherapeutin und Lehrtherapeutin für Systemische Familientherapie in der Arbeitsgemeinschaft für Systemische Therapie und Systemische Studien (ÖAS), deren Obfrau sie bis 2006 war.

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